Sieben – Tausend Spiele |

Sieben – Tausend Spiele |

Foto von Sven Brandsm auf Unsplash

«Maaanooo!», schreit Jona, während er die Rutsche runter rutscht. Mano fängt den Kleinen unten auf. Ich schubse Laurie in der Schaukel an.

Es ist anfangs Jahr, nicht besonders kalt, jedoch leider auch nicht besonders sonnig. Seit einer halben Stunde machen wir den Spielplatz unsicher.

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» Jona ist begeistert von Manos Besuch. Mano ist sein Held. Gerade rennen sie einander über den Spielplatz hinweg her.

Laurie zappelt, sie möchte wohl auch mit rennen. Das ist allerdings nicht ganz einfach, in ihrem Alter. Deshalb hebe ich sie hoch und setze sie auf meine Hüfte. Gemeinsam springen wir den Jungs nach.

Die Kleine quietscht vor Vergnügen. Mano packt Jona von hinten und hebt ihn kurz hoch. Auch Jona kreischt. – Zum Glück ist weit und breit niemand zu sehen, sodass die Kinder lärmen können, so viel sie wollen.

Mit kalten Wangen betreten wir einige Zeit später das Haus der Tiansens.

Laurie ist im Wagen eingeschlafen. Ich lasse sie im Eingangsbereich weiter schlummern.
Jona wünscht sich eine heisse Schokolade. Mano kümmert sich darum, dass der Kleine Jacke und Co. anständig auszieht und ich mache mich in der Küche daran, Milch für uns drei zu wärmen.

Die Plaudereien der Jungs im Hintergrund ausblendend, stelle ich drei Tassen bereit und befülle sie mit den delikaten Schokoflocken, einer kleinen Schokoladenmanufaktur aus der Gegend.

Abwesend starre ich aus dem Fenster. Wir haben einen total friedlichen Nachmittag und es ist auch wirklich schön, dass Mano mich so oft zu den Kindern begleitet.

Er hilft wo er kann und kümmert sich liebevoll um mich. Ich kann mich wirklich nicht beklagen. Von so einer Beziehung können die meisten nur Träumen. Es ist nur… so ungewohnt. Und es ging alles so schnell. Manchmal bin ich noch immer überrumpelt von dem, was in den letzten zwei Monaten alles passiert ist.

Die Milch kocht bereits. Schnell ziehe ich die kleine Pfanne von der Herdplatte und verteile die Milch auf unsere drei Tassen.

Die Dinosauriertasse für Jona, die lila Tasse für Mano und die tolle gepunktete Tasse für mich.

Kurz checke ich noch mein Handy. Ausser Iris hat mir niemand geschrieben. Es keimt Enttäuschung in mir auf, aber, ehrlich gesagt, kann ich auch nicht genau benennen, wessen Nachricht ich genau erwartet hätte.

Jona erzählt uns unlustige Witze aus dem Kindergarten, als Laurie erwacht. Schnell flitze ich zu ihr und hebe sie aus dem Kinderwagen. Erst als ich zurückkomme bemerke ich Jonas Schokoladenverschmiertes Gesicht.

«Wollen wir Memory spielen?» Die Augen des Kleinen funkeln. Begeistert springt er auf, um das Memory zu holen, wobei tausend andere Spiele aus dem Schrank fallen, was er natürlich nicht bemerkt. Ich hingegen bemerke, dass er seine Schuhe noch trägt. Also hat das mit dem Jacke und Co. ausziehen doch nicht so reibungslos geklappt…

Wir spielen einige Runden Memory, wobei ich keine einzige Gewinne. Jona und Mano liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen, während ich müde in meinen Tagträumen versinke und Laurie jeweils an einer meiner schon ergatterten Karten herumkaut.

Als es draussen schon Dunkel ist, reibt sich auch Jona die Augen. Da wir heute schon echt viel unternommen haben, schlage ich ihm vor, fernzusehen.
Der Kleine ist natürlich begeistert.

Mano verräumt das Memory, während Jona ungeduldig auf dem Sofa hüpft.

Ich lasse Laurie am Boden zu ihrem Bruder krabbeln und Mano dreht mich zu sich, um mir einen Kuss aufzudrücken. Vage lächle ich ihn an.

***

Als Franco nachhause kommt, klettert Laurie gerade am Sideboard, auf dem der Fernseher steht, entlang und Jona liegt erschöpft auf dem Sofa, während Paw Patrol über den Fernseher flimmert. Mano ist am Handy und ich war damit beschäftigt, ein Auge auf die Kleine zu werfen. Als sie Franco entdeckt, quietscht sie freudig und streckt ihm ihre Ärmchen entgegen. Jona ist so von den heldenhaften Hunden in Beschlag genommen, dass er nur lahm eine Hand hebt, um seinen Vater zu begrüssen.

Wir verabschieden uns von den Dreien und machen uns in Manos Wagen auf den Weg zu mir nachhause. Er lächelt mich an. «Na, was machen wir noch?»
Irgendwie kann ich mich zu nichts entschliessen, also zucke ich mit den Schultern.
«Wir könnten Iris und Nic anrufen?», schlägt er vor.
Nun kann ich mich doch noch zu einem Lächeln überwinden.
Mano wählt Iris Kontakt über den Boardcomputer und wenig später erklingt das typische Telefonläuten durch das ganze Auto.

Iris meldet sich. «Hi, ihr zwei!»
Wir begrüssen sie. «Lust auf Gin Tonic später im Platzhirsch?»
«Und wie! Nic kommt auch.»
Im Hintergrund hört man Nic noch «Was?» fragen, aber da haben Iris und Mano schon aufgelegt. – Die haben ihre ganz eigene Art miteinander zu kommunizieren.

Mano fährt auf die Schnellstrasse zu und beschleunigt. Ich lege meine Hand auf seinen Oberschenkel und beobachte die dunkle Nacht und die an uns vorbeiziehenden Autos. Wie immer beobachte ich die vorbeifahrenden Autos genau. Man weiss ja nie.

Im Radio erklingt ein Lied, dass ich mag, ich betrachte Mano und lächle, versuche dieses unfassbare Gefühl loszuwerden, das mich ständig begleitet. Alles kommt gut, sag ich mir.
Mano überfährt eine eben auf Rot gesprungene Ampel, ich schimpfe mit ihm. Er singt bloss mit dem Radio mit, deshalb schüttle ich den Kopf.

Erschienen am 21. Januar 2020