Drei – Schwarze Luftballons |
Drei – Schwarze Luftballons |
Foto von Andreas Weiland auf Unsplash
FREITAG
«Hab ich heute Nachmittag frei?»
Ich nicke, während ich meine Kaffeetasse weg stelle.
Das fragt Jona immer, dabei hatte er in seiner ganzen Kindergartenkarriere erst einmal eine Woche lang am Nachmittag Kindergarten. Das muss ihm nachhaltig geblieben sein.
» Ich kann ihn allerdings gut verstehen. Wer wünscht sich schon nicht, jeden Nachmittag frei zu haben? «Was machen wir denn?», will er wissen. Das weiss ich auch nicht so genau. Heute ist ein trüber Herbsttag. Welche Unternehmung könnte uns allen drei Spass machen?
Jona sitzt auf dem Sofa und ich trage Laurie und meinen Kaffee aus der Küche zu ihm. «Willst du, dass wir uns ein Buch ansehen?»
«Oh ja!» Wir suchen uns eine Geschichte aus und kuscheln uns mit einer Decke aufs Sofa. Während ich den Kindern vorlese, bemerke ich, wie Laurie auf mir immer schwerer und schwerer wird – und schliesslich einschläft.
«Das war eine schöne Geschichte!», bemerkt Jona.
«Wie recht du hast.» Vorsichtig stehe ich auf, um Laurie aufs Sofa zu legen. «Machs dir doch auch bequem, ich deck dich nochmal zu, und geb dir ein neues Buch. Dann kannst du dich ausruhen, wie Laurie.»
«Na gut.» Wenn meine Berechnungen aufgehen, schläft er in drei Minuten ebenfalls. Dann kann ich in Ruhe die Küche aufräumen. Die sieht nämlich mal wieder aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. So leise wie möglich, mache ich mich an die Arbeit.
Während ich die grosse Bratpfanne abwasche erblicke ich dutzende schwarze Luftballons im Himmel. Kurz halte ich inne und geniesse den Anblick der unbunten Flugobjekte, im graublauen Himmel schwebend.
Ein Baby weint. Laurie.
Mit schnellen Handgriffen trockne ich die Pfanne ab, um anschliessend zu ihr zu eilen.
«Hey meine Süsse.» Ich hebe sie hoch und ihr weinen versiegt. Verschlafen legt sie ihren Kopf auf meine Schultern. Ihr Bruder schlummert weiter vor sich hin.
Lauries rote Bäckchen, ihr kleiner Babyschmollmund und ihr verschlafener Blick lassen mein Herz weich werden. Sie braucht immer einen Moment um aufzuwachen. Kurz darauf ist sie dann aber putzmunter, quiekt und lässt ihre Augen frech funkeln. Bis Jona aufwacht kann sie auf ihrer pastellfarbenen Decke herumturnen.
***
Wir müssen noch einkaufen, also packe ich die Kleinen ein und mache mich mit Kinderwagen und Jona auf dem Tretroller auf den Weg zur Bushaltestelle. Dort warten wir eine Weile auf den Bus. Ich sitze auf der Bank im Wartehäuschen und Jona fährt begeistert auf dem Trottoir hin und her. Seine Schwester beobachtet ihn erfreut.
Verstohlen krame ich mein Handy aus der Jackentasche und checke meine Nachrichten. Aber da ist nichts. Und das ist nur deshalb so schlimm, weil ich mich so sehr nach dem einen Namen, der oben an einer neuen Nachricht steht, sehne.
Während der Busfahrt lässt Jona seine Beinchen über den Sitz baumeln und ich die Quartierstrassen mit ihren hübschen verschiedenfarbigen Einfamilienhäusern an mir vorbeiziehen. In der Innenstadt angekommen, hieve ich Laurie im Kinderwagen und Jona mit Tretroller aus dem Bus.
«Wir sind ja in der Stadt!», ruft der Kleine überrascht und ich muss lachen.
«Natürlich, was hast du denn gedacht?»
Enthusiastisch stösst er sich vom Boden ab und rollt los, in Richtung Supermarkt. «Keine Ahnung, aber auf jeden Fall nicht, dass wir in die Stadt fahren!»
Mit leicht erhöhtem Tempo folge ich ihm mitsamt dem Kinderwagen und schüttle amüsiert den Kopf. Dieser Junge ist einer der grössten Träumer, die mir je begegnet sind.
Voll beladen verlassen wir den Supermarkt.
Der Kinderwagen quillt über vor lauter angehängten Tüten und Dingen, wie einer Toilettenpapier-Zehnerpackung.
Laurie ist beinahe nicht mehr ausfindig zu machen, zwischen all dem Zeugs und dem Innenfutter des Kinderwagens. Sie scheint trotzdem zufrieden zu sein, denn sie sitzt so da, beobachtet die vorbeieilenden Menschen und quiekt erfreut, wenn sie einen Hund erblickt, während sie an dem Brötchen nuckelt, dass ich ihr gekauft habe.
Leicht beschwingt rollt Jona vor uns. Ebenfalls mit Brötchen zwischen den Zähnen (die Hände braucht er ja, um sicher fahren zu können). Er trägt einen blau-grauen Raketenrucksack, der leer ist, weil er nur zu Dekorationszwecken ausgeführt wird. «Nicht so schnell!», rufe ich. Er bremst abrupt und ich kann den Kinderwagen mit Laurie und den Einkäufen gerade noch rechtzeitig um Jona herum manövrieren, damit ich nicht in ihn hineinrassle. «Hey!», rufe ich erschrocken.
Jona sieht mich entrüstet an, dann schreit er: «Du hast gesagt, ich soll anhalten!»
Der Verkehr zieht an uns vorbei, ich muss mich kurz sammeln. Aus unerfindlichen Gründen, steigen Tränen in mir hoch. Der Kleine bemerkt das, sein Blick wird weich. «Moira, was hast du?» Langsam gehen wir weiter. «Nichts, alles gut.»
Mit leicht schräggelegtem Kopf beobachtet er mich noch eine Weile, bevor er wieder langsam neben mir her rollt. Der Busbahnhof kommt in Sichtweite und ich erblicke unseren Bus, wie er anfährt und langsam davon rollt. «Ach, verflixt!»
***
Laurie beginnt zu weinen. War ja klar.
«Nicht weinen, Süsse.» – Natürlich kommen die lieb gemeinten Worte nicht bei ihr an. Wie gut unsere aktuelle Stimmung zum Herbstwetter und seinen Nebelschwaden passt.
«War das unser Bus?»
«Ja, leider.»
«Das ist nicht so schlimm, wir warten einfach auf den nächsten.»
Ein kleines Lächeln wandert auf meine Lippen. «Was für eine gute Idee, Jona!»
Begleitet von Lauries herzzerreissenden Schreien gehen wir zu der Bank bei der Bushaltestelle. Dort parkieren wir unser Gefährt und ich kann die Kleine endlich zu mir nehmen. Sie beruhigt sich ein bisschen, wimmert nur noch.
So gut es geht, machen wir es uns auf der Bank bequem. Weil wir eine halbe Stunde warten müssen, krame ich in der grossen Einkaufstüte und suche das Aktionspack Schoggi-Stängeli, reisse es auf und zupfe zwei davon aus dem Karton. «Gib mir mal dein Brötchen.» Jona gehorcht. Er weiss genau, was jetzt kommt. Ich drücke ein Loch in das weiche Brot und verpacke die Schokolade darin. Dann pappe ich das Loch wieder zu und überreiche Jona sein Schokoladenbrötchen. Er strahlt.
Die Kleine wippe ich auf meinen Knien hin und her. Sie wimmert kaum noch, aber an ihrem Blick kann ich erkennen, dass sie auch Schokolade möchte. Also reiche ich ihr ein kleines Stück, an dem sie nach Belieben rumlutschen kann.
Was freu ich mich auf die verschmierten Händchen.
«Kannst du uns eine Geschichte erzählen?»
«Kannst du erstmal fertig kauen und runterschlucken, bevor du sprichst?»
Jona grinst und murmelt dann mit vollem Mund «Entschuldigung.»
«Was willst du denn für eine Geschichte hören?»
«Eine wahre.»
«Eine wahre Geschichte?»
«Ja, bitte.»
«Hmm…»
«Etwas das wirklich passiert ist. In deinem Leben!»
«Mir kommt grad keine passende Geschichte in den Sinn, aber ich kann dir erzählen, dass ich heute Abend zu einer Party gehen muss, auf die ich überhaupt keine Lust habe!»
«Eine Geburtstagsparty?»
«Naja so in etwa. Eine Herbstparty.»
Der Kleine sieht mich verwundert und kauend an. «Und wer kriegt denn da die Geschenke?» Ich muss Lächeln.
Tatsächlich fährt unser Bus bereits vor. Wir steigen ein mit Sack und Pack und als wir es uns im vorderen Viererplatz bequem gemacht haben legt Jona seinen Kopf schief und kommt nocheinmal auf die Party zu sprechen: «Weisst du Moira, ich denke die Party wird viel toller als du denkst.»
Erschienen am 8. November 2018