Fünf – Papperlapapp |

Fünf – Papperlapapp |

Foto von Remo Vilkko auf Unsplash

DONNERSTAG

Tristes Herbstgrau umhüllt die Tage noch immer mit einen melanchonischen Schleier. Viele hier haben vergessen, wie es ist, wenn die Sonne scheint. Sie gehen aus dem Haus, wenn es dunkel ist, und kommen wieder nachhause wenn sich die Nacht bereits wieder über den Dächern der Stadt ausgebreitet hat.

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» Sie irren durch ihren Alltag und wenn sie nachhause kommen sind sie müde, obwohl es noch so viel zu tun gäbte.

Das ist ein Grund, wieso ich meine Arbeit liebe. Denn hier bei Jona und Laurie zuhause füllt die pure Lebensfreude das moderne, helle Haus bis zur Decke.

Jona spielt mit seiner Holzeisenbahn. Stundenlang haben wir Schienenteil an Schienenteil gereiht, die runden Enden ineinander gesteckt und somit die tollste und abwechslungsreichste Eisenbahnstrecke der Welt quer durch den offenen Wohn- und Essbereich gebaut. Mit Kurven, Hügeln, Bahnhöfen und Tunnels. Während Jona eifrig die Eisenbahn einsatzbereit machte, dekorierte ich die Strecke mit Tannenbäumen und Tafeln, an den Schienen entlang grasenden Tieren und der Eisenbahn zuwinkenden Passanten.

«Wieso hast du da eine Kuh hingestellt?», fragt mich Jona entrüstet.
Ich hindere die krabbelnde Laurie daran, unser Meisterwerk zu zerstören, in dem ich sie flink hochhebe, an einem strategisch günstigen Ort wieder absetze und ihr eben eine solche Holzkuh zum Begutachten in die Hand drücke.
«Na der gefällt der Platz bestimmt, dann kann sie dem Lokführer zu winken.»
Jonas Mund klappt auf, er hält inne. «Moira…», sagt er und verdreht die Augen, «Kühe. Können. Nicht. Winken!» Er schnappt sich die Kuh und platziert sie an einem offensichtlich viel besseren Ort.
Na dann.

Laurie schüttelt die Kuh in ihrer Hand und freut sich über das helle Klingeln des Kuh-Glöckchens.

Vor lauter Entzücken schüttelt sie die Holzfigur gleich nochmal und nochmal und nochmal. Immer, wenn das Klingeln verebbt jauchzt sie laut auf und reisst dann ihre Hand erneut in die Höhe.

Jona jagt seine Eisenbahn durchs Wohnzimmer und macht dazu Dampflock-Geräusche. Mein Handy piept.
Auf dem Weg in die Küche spienzle ich auf den Display.
«Wie siehts aus heute Abend? Lust auf Kaugummis?» steht da.
Die Nummer des Absenders hab ich nicht abgespeichert.
In meinem Kopf rattert es. Das ist Mano.
Verblüfft lege ich mein Handy weg.

Langsam sollte ich mit den Vorbereitungen für das grosse Abendessen heute beginnen. Als erstes platziere ich meine Kaffeetasse in den Vollautomaten der Tiansens und drücke auf die Cappuccinotaste. Eine Stärkung muss sein.

***

Jonas Geräuschen nach sind wohl gerade zwei Eisenbahnen kollidiert. Laurie scheint die Kuh verleidet zu sein. Sie ruft nach mir. «Oiaaa!» Flink eile ich zu ihr, hebe sie hoch und stemme sie in die Luft, hoch über meinen Kopf. Sie gluckst vor Freude. «Jetzt muss ich aber Kochen, Kleine. Du kannst mir in deinem Stuhl Gesellschaft leisten.»

Mit Laurie auf dem Arm rupfe ich ein paar wichtige Dinge aus den Küchenschränken. Dann setze ich sie in ihren Hochstuhl und platziere ihr Baby-Keyboard auf der Ablagefläche des Stuhls. Sie kann mich beim Kochen musikalisch begleiten und hämmert bereits auf die Tasten.

Manos Nachricht kommt mir wieder in den Sinn und nachdem ich Lauries Keyboard leiser gestellt habe angle ich mein Telefon. «Ich kann nicht. Hier gibts heute ein elegantes Dinner mit ganz viel Wein.», tippe ich ins Handy. «Och.» kommt es augenblicklich zurück.

Gläser klirren, Löffel schlagen an die Dessertschälchen und das allgemeine Gemurmel beschallt den Raum mit munteren Klängen.

Das Abendessen, welches ich zusammen mit Lea – Jonas und Moiras Mama – zubereitet habe, ist durch und durch gelungen. Ich hab zweimal Nachschlag geholt.

Auf dem Tisch stehen fünf leere Flaschen Wein zwischen all den Tellern und Gläsern. Den Nachtisch hat Leas Bruder mitgebracht. Er ist ziemlich arrogant, aber gutes Eis kaufen kann er. Er behauptet zwar, er habe das selbst gemacht, aber papperlapapp! – Ist er Jamie Oliver oder was?

Lea hat ihren Vater und ihre Geschwister zum Abendessen eingeladen. Ihr Mann Franco wischt sich gerade mit einer Stoffserviette den Mund ab und macht sich dann daran, die herumstehenden Teller zu stapeln und in die Küche zu räumen.

Die beiden Kleinen schlafen schon lange. Jona war ausser sich vor Freude, als er erfahren hat, dass ich so lange bleiben werde, bis er ins Bett geht. «Liest du mir dann auch eine Geschichte vor, Moira?»

«Aber Mama liest dir doch schon etwas vor.»
«Ja eben: Zwei Geschichten!», rief er begeistert. – Und so wurde aus dem kleinen Jungen mit der Holzeisenbahn ein unglaublich glücklich einschlafendes Kind.
Zwei Geschichten, gibts denn so was?

***

Franco schenkt mir Wein nach. Alle anderen Gläser auf dem Tisch sind bereits gut gefüllt. Wir stossen, zum ungefähr dreizehnten Mal am heutigen Abend an. Mein Telefon vibriert. Nach einem grossen Schluck Wein krame ich es aus meiner hinteren Hosentasche.

«Wie kommst du nachhause? Ich kann dich auf dem Rückweg aufladen, bin eh grad in der Nähe.», steht da. Kritisch starre ich auf die Nachricht. Lea stellt ihr Weinglas energisch auf den grossen Holztisch.

«Moira, hast du ein Gespenst gesehen?» 

Fragend seh ich hoch. «Wieso?»
Leas Augen werden gross, ihr Ton forsch und detektivisch. «Wer hat dir geschrieben? Du lächelst ja!» – Als würde ich sonst nie lächeln … «Kennst du nicht.»

Gejohle geht durch die Runde. Egal, was ich jetzt sagen würde, es wird gegen mich verwendet werden. Also schweige ich und trinke gewissenhaft einen Schluck Wein.
«Das kannst du nicht machen, erzähl mir alles!» Lea ist ausser sich. Sie hat bestimmt schon eine Flasche Wein allein getrunken.

Schnell tippe ich «Du bist bestimmt nicht in der Nähe des Kaffs, in dem ich mich gerade aufhalte.» ins Handy und lege es mit dem Display nach oben auf den Esstisch. Keine zehn Sekunden später erleuchtet es. Erst dann wird mir klar, dass die ganze Zeit Stille geherrscht hat und alle wie gebannt aufs Handydisplay starrten.

***

«20 Minuten.», steht da. Das soll wohl ein Witz sein?
Leas Bruder, der mit dem gekauften Eis, fängt meinen Blick auf. «Sieht aus als hättest du eine Verabredung.» Ich stammle etwas. – Mano kommt doch jetzt nicht etwa hier her?

In den nächsten 20 Minuten verfolge ich die Tischgespräche der anderen. Dann hupt es und postwendend verstummen sämtliche Tischgespräche. Lea strahlt übers ganze Gesicht. «Da wartet wohl jemand auf dich.»

Woher zum Teufel kennt Mano die Adresse der Kinder?
Eine neue Nachricht erscheint auf meinem Display. «Bin da.»
Dann eine zweite: «Viel Spass!» – von Iris.
So eine freche Zwillingsschwester aber auch.

Erschienen am 19. Juli 2019