Zwei – Oliven und Tee |

Zwei – Oliven und Tee |

Der Herbst hat definitiv Einzug genommen.
Die kühle Luft am Abend bin ich mir noch nicht wieder gewohnt. Ich trage eine viel zu dünne Jacke und friere, während ich hier neben dem Bärenbrunnen stehe und warte.
Es ist schon ziemlich dunkel. Wenn ich die Augen schliesse, kann ich den in der Luft liegenden Zauber im Himmel glitzern sehen.

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» Jemand biegt um die Ecke. «Huhu!»
«Iris.»
Wir fallen uns in die Arme.
«Schnell lass uns gehen. Es ist kalt!»
«Wem sagst du das?» Ich zieh mir die Ärmel meiner Lederjacke über die Handgelenke.
In unserer Lieblingsbar schlägt uns wiederum wohlige Wärme entgegen. Schnell schliessen wir die Tür hinter uns zu. Pianoklänge erfüllen den Raum.

Wir setzen uns an einen Tisch am Fenster, mit Blick auf die alte Gasse. Ein bezaubernder Anblick. Im Lokal ist es dunkel, die vielen Kerzen sind die einzigen Lichtspender im Raum. Die Luft hier drin ist sicherlich nicht qualitativ hochstehend aber sie riecht nach den vielen Geschichten der Vergangenheit. – Wegen der Kerzen, den alten Sofas und dem vielen Holz.
Auch die Theke ist aus Holz, auch sie muss schon viel erlebt haben.

«Also…», holt Iris aus.
«Abend.», fällt der Kellner ihr ins Wort. Seine mittellangen Haare fallen ihm ins Gesicht und das ihm viel zu grosses Hemd über seine Handgelenke. Mir verschlägt es kurz den Atem. «Hi.»
«Was darfs sein?»
Iris zwinkert mir verschwörerisch zu. Die Pianoklänge verstummen. Mir kommt Jona in den Sinn, mit seinem schokoladenverschmierten Mund heute Nachmittag.
«Für mich ein Pfefferminztee.» säuselt Iris.
«Für mich eine heisse Schokolade.»
«Alles klar.» Der Kellner macht auf Absatz kehrt und verschwindet hinter dem Holztresen.

Iris lächelt mich an.
«Kannst du damit aufhören? Du machst alles kaputt!» – Nie hätte ich ihr erzählen sollen, dass ich diesen Kellner süss finde. Das hätte mir so einige theatralische Momente von Iris‘ Seite erspart.
«Ach komm schon.» Sie will, dass ich ihn anspreche. Aber ich will das nicht.
Klar, manchmal kann ich nicht aufhören zu Grinsen, wenn er etwas Nettes zu mir gesagt hat. Aber das reicht mir auch schon. Ich finde es schön, hier her kommen zu können und mich darüber zu freuen, wenn er gerade arbeitet, oder mit Wehmut meinen Kaffee zu schlürfen, wenn nicht. Das macht Spass. Es ist unkompliziert und verursacht trotzdem ab und zu Herzflattern. Genau das, brauche ich im Moment.

«Bitteschön.» Der Kellner stellt unsere Getränke auf den nicht ganz ebenen Tisch.
«Danke.» Ich lächle ihn an. Er lächelt zurück. Iris zerstört den Moment:

«Wir hätten gern noch Oliven.»
«Oliven?»

Unsere Getränke werden kritisch beobachtet.
«Zwei Portionen.»
Der Kellner macht sich wieder davon in Richtung Tresen.
«Wie wars mit den Kids heute?»
Ich denke zurück an Jona in seinem selbstgeschneiderten Superheldenumhang, auf dem Sofa herumkletternd und Laurie, die begeistert auf einen Kochtopf hämmert. «Schön.»
Die letzten Wochen fühlen sich an, als hätte jemand einen Schleier über mein Leben gelegt, oder den Sättigungsregler in Photoshop nach unten gezogen und die Welt somit in dumpfe Grau-, Grün und Blautöne getunkt.

«Lass mich dir was erzählen.» Iris grinst mich an.
Die Oliven kommen.
«Dankeschön.» Meine Blicke wandern zum Kellner.
«Bitteschön.» Er grinst und geht.
«Also …»
«Also?»
«Es geht um Nic.»
«Nic?» – Der war mal mein Nachbar.
«Genau Nic. Er kommt am Freitag auch zu der Party!»
Oh nein. Die Party.

Die Pianoklänge erfüllen den Raum nun wieder fleissig und untermalen das Stimmengemurmel in diesem kleinen Lokal musikalisch. Wieso können wir unseren Freitagabend nicht einfach hier verbringen? Bei einem Glas Wein. Oder von mir aus einer Flasche. Nic oder wie er schon wieder heisst dürfte sogar auch mit kommen.

Iris hebt eine Augenbraue. «Du willst doch nicht etwa kneifen?»
Unschuldig trinke ich einen Schluck meiner heissen Schokolade.
«Du. Kommst. Mit. Zu. Dieser. Party! Du hast es mir versprochen.»
«In einem schwachen Moment.», wende ich ein, aber meine Argumentationen interessieren Iris nicht das Geringste. Sie hebt ihren Zeigefinger. «Das ist das schönste Fest des Jahres. Da hängen Lichterketten in den Baumkronen und auf dem Kirchplatz wird inmitten der Kastanienbäume fröhlich getanzt.»
«Wow.», hauche ich unbeeindruckt.

Langsam führt Iris ihre Teetasse zu ihrem Mund, während sie mich mit ihrem Blick fixiert.
«Hab ja schon verstanden, ich halte meine Versprechen.»
Begleitet von lautem Klimpern stellt Iris ihre Tasse auf den Tisch. «Perfekt!»

Das Bild von den Lichtern in den Baumkronen hat mich überzeugt.
Der Kellner huscht an unserem Tisch vorbei. Die feinen Häärchen auf meinem Arm stellen sich auf.
«Und … wie hast du es hinbekommen, dass dich dieser Nic zurParty begleitet? Der ist bestimmt älter als dreissig – und dazu so ein chicer Banker.»
«Genau deshalb. Wer will schon nicht mit einem chicen Banker zu einem chicen Fest?»
Sie lächelt geheimnisvoll. «Lass uns Wein bestellen.»
«Es ist Mittwochabend und nach zehn.»
«Perfekt! – Garçon!»
Garçon? Der Kellner eilt zu unserem Tisch. Na Super.

Erschienen am 5. Oktober 2018