Sechs – Mini Roadtrip |
Sechs – Mini Roadtrip |
Foto von mvbcodagraphy auf Unsplash
«Bald sind wir da.» Mano blickt gerade aus auf die Strasse.
«Ja, danke nochmals!» Ich spiele mit dem Bund meiner Jacke.
Noch immer schaut Mano gerade aus auf die Strasse. «Wenn ich dich abgeladen hab, fahr ich noch ein bisschen rum.»
» Überrascht blicke ich auf. «Also wie?»
«Keine Ahnung. Die Nacht geniessen.»
Kurz ist es still, dann frage ich: «Wohin fährst du?»
Mano überlegt nicht. «Keine Ahnung. Seh ich dann.»
Ich finde die Idee ein kleines bisschen absurd, lächle aber trotzdem.
Es fehlt noch eine Abzweigung, bis wir bei mir sind.
«Kommst du auch mit?»
Die Frage überfordert mich. Zum Zögern bleibt keine Zeit. «Ja?»
Mano reisst das Steuer herum und fährt über die gezogene Sicherheitslinie auf die andere Spur. Ein mir fremdes Gefühl keimt in mir auf. Ist das Abenteuerlust?
Eine Weile lang cruisen wir still durch die Nacht. Lassen Strassenlichter und die umliegenden Dörfer an uns vorbeiziehen. Ich beobachte die mir mehr oder weniger vertraute Gegend und träume vor mich hin.
Plötzlich kribbelt es überall und ich spüre, wie diese Abenteuerlust von einem mir viel vertrauteren Gefühl verdrängt wird: Der Sehnsucht. – Viel zu lange, hab ich ihn nicht mehr gesehen.
Iris würde mir den Kopf abreissen, wenn sie wüsste, dass ich an ihn denke, aber ich kann nicht anders. Ich kann dieses Reissen nach ihm nicht länger unterdrücken. Automatisch fische ich mein Handy hervor und checke meine Nachrichten.
Nichts.
Wir kommen meinem Zuhause wieder näher aber anstatt die linke Spur zu nehmen, bleibt Mano auf der rechten. Ich will ihn erst darauf aufmerksam machen, dann bemerke ich, dass es kein Versehen ist. Er dreht seinen Kopf zu mir rüber und fängt meinen Blick auf. «Ich will dir etwas zeigen.» Ein Lächeln erscheint auf meinen Lippen. «Und was?»
«Siehst du dann.»
Wir fahren aus der Stadt und Mano drückt aufs Gas, lässt den Motor aufheulen, schaltet hoch und steuert die Autobahn an.
Zurück, in die Richtung, aus der wir ursprünglich gekommen sind.
Mit massiv erhöhtem Tempo brettern wir durch die Nacht. Die Playlist von Manos Handy begleitet uns dabei.
Wir fahren und fahren, lassen Autobahnausfahrt um Autobahnausfahrt an uns vorbeiziehen. Die Zeit wird relativ und ich verfalle in den schwebenden Zustand zwischen wachsein und gemütlichem vor mich hin dösen. Die Musik dröhnt weiter, Mano singt dazu. Mittlerweile ist es nach ein Uhr in der Nacht.
Manchmal will ich etwas sagen, aber schlussendlich erscheint es mir zu mühsam, den Mund zu öffnen. Mein Handy hab nicht mehr aus meiner Jackentasche hervorgekramt, seit ich es am Anfang unseres Ausfluges zum letzten Mal gecheckt hab.
Irgendwann durchbricht Mano die Monotonie unserer Fahrt. «Bald sind wir da.
Mein Blick fällt auf das blaue Strassenschild, an dem wir vorbeiflitzen. Da steht «Chur».
Meine Augen werden gross. «Sag mal, fahren wir in die Berge?»
Mano lächelt. «Nicht ganz.»
Das knirschen der angezogen werdenden Handbremse besiegelt die Tatsache, dass wir angekommen sind. Wir haben zuletzt einige Kurven rauf in die Höhe passiert und stehen nun auf einem riesengrossen, stockfinsteren Parkplatz. Zugegeben: Die Szenerie hat was Unheimliches. Aber ich fühle mich sicher bei Mano.
«Und was machen wir jetzt?»
«Aussteigen.»
Mit fällt die Kinnlade runter. «Nein?»
«Oh doch.»
Die Fahrertür wird aufgerissen und eisig kalte Winterluft zieht ins innere des Wagens. Bevor ich auf die Idee komme, zu kneifen, schnalle ich mich ab und stosse die Beifahrertür ebenfalls auf.
Meine Jacke befindet sich noch im Auto, der Wind schletzt die Türe jedoch zu, bevor ich sie mir schnappen kann. Es zischt und knackt und hallt um mich herum. Geräusche der Nacht und der Natur. Mano schliesst den Wagen ab. «Los komm.»
«Was? Nein!»
Aber mir bleibt nichts anderes übrig. Oder soll ich einsam und bibbernd neben einem abgeschlossenen Kleinwagen auf einem verlassenen Bündner Skiparkplatz warten, bis irgend so ein Typ von einem mir nicht bekannten Ausflug mitten in der Nacht zurückkehrt? – Nein! Also renne ich Mano nach. In Richtung Waldrand am Ende des Parkplatzes.
Irgendwo im Wald erblicke ich einen Hochsitz und Mano, der unten an der Leiter auf mich wartet.
In dem Moment, in dem sich unsere Blicke treffen beginnt er, hochzuklettern. «Was machst du?», rufe ich entgeistert, kämpfe mich aber durch das Unterholz zu ihm.
Auf dem Hochsitz bleibt mir die Luft weg. Nicht weil es so kalt ist, sondern wegen der Aussicht. «Wow!», hauche ich. Mano lächelt mich selbstgefällig an.
Ich reisse meinen Blick von dem seinen los und lasse ihn über den Abgrund und all die glitzernden Lichter vom schlafenden Chur, das still vor sich hin existierend weit unter uns liegt schweifen. «Hab ich dir zu viel versprochen?» Zaghaft lächle ich und hauche ein Nein in die Dunkelheit. Das hier besitzt eine solch banale, natürliche Schönheit, dass es mir die Sprache verschlägt. Eben war ich noch hundemüde. Nun bin ich hellwach.
Schlagartig wird mir bewusst, wie lange es her sein muss, bis ich zum letzten Mal einem fast fremden Typen so nah war, dazu noch in so einer mystisch-romantischen Situation.
Einige Jahre?
Also mysthisch-romantisch war es in meinem Leben eigentlich noch gar nie.
Was etwartet Mano von mir? Will er mich etwa küssen?
Erschrocken wage ich einen Blick zu ihm und ertappe ihn dabei, wie er weg sieht.
«Weisst du was?» – Ich schüttle den Kopf. «Wer auch immer diesen Hochsitz gebaut hat, muss sehr wenig von seinem Werk verstanden haben.» Fragend blicke ich in an. «Wie will man so Tiere jagen?» Diese Überlegung bringt mich zum Lachen. «Vielleicht wars auch einfach ein Hochsitzbauer mit Sinn für s Ästhetische?»
Wir lachen. Unsere Blicke treffen sich erneut.
Ich glaube, Mano will mich küssen. Mit bleibt die Luft weg. Ich hab doch niemand anderen mehr geküsst, seit – Mano dreht sich zu mir, legt mir sanft seine Hand auf den Hinterkopf und zieht mich zu sich hin. Mir bleibt zum wiederholten Male die Luft weg.
Er küsst mich.
Erschienen am 7. Oktober 2019