Zwölf – Konservierte Träume |

Zwölf – Konservierte Träume |

Foto von Rinck Content Studio auf Unsplash

Mittlerweile ist der Abend ganz schön weit fortgeschritten. Louis und ich sitzen uns gegenüber in einem schnieken Burgerladen. Wir haben Gin Tonic getrunken, uns Nachos zur Vorspeise geteilt und geplaudert. Am Anfang des Abends war die Stimmung düster, aber wir haben es geschafft, einfach nur zu sein und zu plaudern.

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» Manchmal macht Louis Quatsch und bringt mich damit zum Lachen. Er erzählt lustige Geschichten aus dem Büro oder von der Werkstatt. Er kann voll gut Leute imitieren. Bis auf einige schweren Momente in denen sich unsere Blicke treffen und sich unsere kaputten Seelen zu unterhalten scheinen, sind es ausgelassene Stunden.

Ich kann es fast nicht glauben. Wenn man uns von aussen sieht, könnte man denken, wir seien ein glückliches Paar. Das lässt mein Lächeln schwinden. Wieso jetzt? Wann hab ich Louis zum letzten Mal so fröhlich erlebt?

Ich senke meinen Blick, denn ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Was musste passieren, dass wir, ausgerechnet jetzt, wo mein Leben endlich nicht mehr in dieser Einbahnstrasse gefangen zu sein schien, hier sitzen, als läge sie noch vor uns. Diese so lange ersehnte, gemeinsame Zukunft.

«Moira?»

Erschrocken sehe ich zu Louis hoch. Er lächelt mich unsicher an, während er sich eine dieser belgischen Pommes in den Mund schiebt.

«Was ist denn?» Verlegen streiche ich mir ein paar Haare aus dem Gesicht.
Für so einen Abend hätte ich während all unserer vorangegangenen Beziehungen ALLES gegeben. Mir wird flau im Magen. Kurz denke ich an Mano, dann wird mir schlecht. Das hat er nicht verdient.

Schweres Herzens schlucke ich den Kloss in meinem Hals herunter und spüle mit einem Schluck aus dem zweiten Gin Tonic des Abends nach. Wenn ich mir hier und jetzt auch noch den Kopf über Mano zerbreche, kann man mich direkt einliefern.

Das habe ich vorher noch nie in meinem Leben gemacht, aber ich schiebe ihn einfach zur Seite. Schiebe einen Riegel vor. Morgen. Morgen bin ich für Mano da, aber heute Abend. Da geht das nicht. Es geht einfach nicht.

Gerade frage ich mich, wie Louis das wohl macht und was er macht, wenn ich bei Mano bin – ein Gedanke, der meine Vorstellungskraft übersteigt. Angestrengt hole ich tief Luft, während sich meine rechte Hand, die auf dem Tisch liegt, zu einer Faust ballt.

Plötzlich streicht etwas sanft darüber. Es sind Louis Finger.

Er fängt meinen zaghaften Blick auf. Dann lächelt er schwach und holt Luft.
«Siehst du diese kleine Familie da?» Mein Blick folgt dem seinen, zu einem Pärchen, ein paar Tische weiter. Sie haben ihr Baby dabei. Es sitz in einem Hochstuhl des Restaurants und quiekt vergnügt. So wie Laurie.

Mein Herz wird warm. Laurie. Wie sehr ich sie gerade jetzt vermisse. Mein kleines Mädchen. Das Baby hier im Restaurant begeistert seine stolzen Eltern in dem es an einer Pommes lutscht. Was für ein süsser Moment.

Als wäre die Zeit kurz stehen geblieben wird mir plötzlich bewusst, wo ich bin. Und mit wem. Louis sucht meinen Blick. «Das könnten wir sein.» Verständnislos starre ich ihn an.
«Doch, Moira. Ich mein das ernst. Das könnten wir sein. Du und ich. Ich hab mir das lange überlegt und ich bin mir sicher. Ich wünsche mir so eine Familie mi dir. Stell dir das mal vor. Du und ich und unsere süssen Kinder.»

Das passiert hier gerade nicht wirklich, oder? Die Reste meines Burgers müssen mittlerweile eiskalt sein. Meine Wangen werde heiss. Aber das scheint Louis nicht zu beirren. Im Gegenteil. «Weisst du, wie cool das wär, wenn wir junge Eltern wären?»

Er darf das nicht sagen, nicht hier und heute.

Ich will protestieren, aber ich bringe keinen Ton heraus.

«Du könntest ja vielleicht weiterhin auf Jona und Laurie aufpassen, aber ich würde schon für uns sorgen, keine Angst. Ich sag Elvine, sie soll mich befördern.» Alles, was Louis gerade gesagt hat, verarbeitet mein Hirn in Sekundenschnelle zu filmreifen Bildern. Gleichzeitig wird mir schlecht. «Aber...»

«Nichts aber. Moira. Wir könnten heiraten. Ich würde dich auf der Stelle heiraten. Du bist die Frau meines Lebens. Bitte lass uns heiraten. Ich hab so viel nachgedacht. Es tut mir so leid. Ich war so ein Idiot. Nie im Leben, hätte ich dich gehen lassen dürfen. Niemals. All die trostlosen Samstage. All die leeren Abende, ohne dich an meiner Seite. Ich verspreche dir, ich werde das nie wieder tun. In Zukunft werde ich all meine Versprechen halten. Ich werde dich nicht mehr Enttäuschen. Du bist alles was ich will. Alles, was ich brauche, um glücklich zu sein.»

Regungslos starre ich ihn an. – Das ist alles, was ich je von ihm hören wollte.

Nachdem dieser verflucht gut aussehende Louis seinen Gin Tonic ausgetrunken hat, fährt er fort: «Gib mir noch eine Chance. Bitte Moira. Du weisst doch, das wir zusammengehören. Das tun wir schon seit dem wir uns zum ersten Mal gesehen haben.»

Und wieso hast du dann alles hin geschmissen? Immer und immer wieder? Wieso verdammt, bist du gegangen? Nicht nur einmal, nein auch nicht, zweimal und nicht dreimal. Sondern ... hundertmal? Ich hätte ALLES für dich getan, Louis. Was war mit all den Nächten, in denen du aufgelöst auf meiner Brust lagst und ich dir so lange durchs Haar strich, bis du wieder Lächeln konntest. Was war mit unseren Versprechen und Schwüren? Was war mit dem unsichtbaren Band, das uns verbindet? Was war mit meinem gebrochenen Herzen, weil du mich mal wider spontan hast sitzen lassen, weil du «mit den Jungs unbedingt noch dien Zahnriemen beim alten Polo wechseln musstest» oder einfach nur mit deinen Arbeitskollegen im Lions Bier trinken?

Während ich ausgehfertig und heulend zuhause auf der Couch lag. – Das alles würde ich gern von ihm wissen. Aber ich bringe keinen Ton über die Lippen.

Schlussendlich leere auch ich meinen Gin Tonic in einem Zug. Louis lächelt mich aufmunternd an. Dann bestellt er die Rechnung und bezahlt. Er lädt mich ein.

Wann hat er mich sonst eingeladen?

Draussen ist es stockdunkel, als wir das Restaurant verlassen. Wir schlendern weiter durch die Strassen. Ich beobachte die schönen Häuser der Altstadt.

Als wir vor dem Adrianos stehen, fragt mich Louis, ob wir noch etwas trinken wollen.
Ich weiss es macht keinen Sinn, aber ich nicke.

Eben, da habe ich alle Gefühle verloren. Das war mir einfach zu viel.

Morgen, da ist ein neuer Tag. Und all die schlimmen Gedanken und schweren Entscheide, müssen bis dann warten.

Heute habe ich Louis zum ersten Mal seit Monaten wieder gesehen. Den Mann, den ich jeden verdammten Tag vermisse, auch wenn ich noch so dagegen ankämpfe. Dieser Moment verspricht mir Heilung und deshalb trinke ich jetzt mit ihm ein Glas Rotwein in meiner Lieblingsbar.

Erschienen am 28. April 2020