Vierzeh – Immer nur zu dir |
Vierzeh – Immer nur zu dir |
Foto Jez Timms Unsplash
Wer zieht schon an Silvester um? Na wir.
Ich muss lachen. Das war glaub eine der dümmsten Ideen, die ich je hatte. Aber ich konnte es einfach nicht mehr erwarten, meine alte Wohnung und all die Sorgen, all die alten Geschichten, hinter mir zu lassen.
» Zusammen mit dem neuen Jahr in ein neues Leben zu starten. Fast so, wie ich es mir immer gewünscht habe. Zusammen mit Louis. Er hört sich noch immer surreal an. Zu surreal.
Und während ich genau diesem Louis verträumt durchs Haar fahre und in die schwarze Nacht hinaus blicke, wird mir bewusst, dass dieser Wunsch wohl kurz vor dem so lange ersehnten Happy End, in tausend Teile zerspringen wird.
Genau so, wie in diesem Moment all die Feuerwerke am Himmel.
All meine Sachen sind bereits hier, in der neuen Wohnung. Ich kann es nicht fassen, dass mein neues Bett zufällig genau so steht, dass ich von hier aus die unvergleichlichste Aussicht auf den glitzernd bunt erleuchtenden Nachthimmel erhaschen kann. Was für ein Willkommensgeschenk.
Louis Zeugs ist noch zuhause. Das holen wir in ein paar Monaten nach. – Zumindest war das der Plan. Bis wir uns vorhin mal wieder gestritten haben. So richtig.
Als wär da nicht so unendlich viel Liebe.
Louis bewegt sich kurz, bettet seinen Kopf gemütlicher auf meiner Brust. Er schläft tief und fest. Mein erschöpfter Schatz. Und obwohl so viel Traurigkeit in dem Moment liegt, geniesse ich den Zauber des Augenblicks.
Sein warmer Körper auf meinem, meine Hand in seinem Haar. Wie ich aufrecht in meinem nigelnagelneuen Bett sitze, mich an dessen Kopfteil lehne und die Nacht draussen beobachte. Solange Louis bei mir ist, ist alles gut. So wie jetzt. Der ganze Druck, das ganze Wirrwarr, alles ist vergessen.
Nur morgen, wenn sich wieder neues Licht über uns legt, dann werden meine Sorgen mit mir aufstehen. Das vergangene Jahr, es hat an meinem Herz genagt. All die Dinge, die da warn. Louis, Mano, ich.
All die gebrochenen Herzen, all die Erwartungen. Meine, die der Jungs. Mit jeder Entscheidung, die ich traf, warf ich jemanden komplett aus der Bahn.
Und diese Tatsache, die hat mich kaputt gemacht.
«Bitte geb mir ein paar Wochen, Louis. Ich muss für mich sein. Ich war nie für mich allein, die ganze Zeit über.»
Darauf hat er nichts gesagt, mich nur verbittert angestarrt.
«Ich verspreche dir, dass danach alles gut wird. Ich liebe dich.»
«Ich hab dir schon Zeit gegeben.»
Er stand gerade auf einem Holzstuhl und schraubte die Deckenlampe fest.
«Ja ... aber die paar Tage ... die reichen einfach nicht.»
Sein Griff um den Schraubenzieher wurde kräftiger. «Ein paar Tage …»
«Bitte sei nicht so verbittert.» Ich wusste, dass ich ihm das nicht hätte antun sollen.
Aber ich konnte nicht anders. Wenn ich jemals darüber hinwegkommen will, dass mich meine grosse Liebe so lange und immer wieder zurückliess, um dann meinen darauf folgenden, mit allem zusammengekratzten Mut gewagten Neuanfang mit Pauken und Trompeten und einem riesigen Tamtam zunichte gemacht hat, nur damit ich mich und mein Herz umgehend wieder ihr widmen kann …
… dann brauche ich ein paar Wochen Ruhe und Zeit um alles zu verdauen.
Zeit, um mich von dieser Vergangenheit zu distanzieren. Zeit um neue Kraft, neuen Mut und Zuversicht zu schöpfen. Das will ich unbedingt schaffen. Diese alten Wunden müssen zuerst heilen. Sonst werde ich dieses neue, zarte Glück nie vollständig zulassen können.
Louis ist vom Stuhl gestiegen. «Das kann ich leider nicht.»
Nachdenklich legte ich den Kopf schief. Wie oft hatten wir diese Diskussion in den letzten Tagen schon geführt.
«Bitte!», hauchte ich.
Louis schüttelte den Kopf.
Ich küsste ihn.
«Entweder, du stehst zu mir oder es ist vorbei.»
Härter hätten mich seine Worte nicht treffen können. «Ich steh doch zu dir!»
«Nein, das tust du nicht.»
«Louis, du verstehst nicht. Ich ... komme einfach nicht damit klar. Es ist mir zu viel. Ich … » Ich stammelte einfach irgendetwas vor mich hin.
Wütend stand er so da.
«Ah und was ist mit mir? Wer von uns wurde genau vom anderen betrogen?»
Nicht das schon wieder, dachte ich mir.
Mit der Bohrmaschine in den Händen stand ich da. «Ich hab dich nicht betrogen!»
Louis tigerte umher. «Doch, Moira. Das hast du!»
Ich wusste, dass es nicht stimmt, aber ich hatte keine Chance.
«Ich war in einer anderen Beziehung, nachdem du mich verlassen hast.»
«Du hättest auf mich warten sollen.»
Und dann sind die Fetzen geflogen.
Etwas vom ersten, was wir in unserer neuen Wohnung taten, war streiten. Zwischen all den Kartons, mitten im Chaos, aber mit frisch montierter Deckenlampe.
«Ich liebe dich.»
«Dann bleib bei mir.»
«Ich geh nicht weg, versprochen!»
Louis glaubte mir nicht. Sein Blick streifte mich. Darin lag so viel Wut.
Mich überkamen Erinnerungen an die letzten Monate, an ein und den selben Streit. Immer wieder von vorne. «Du hast mich betrogen.» Jedesmal, wenn ich diese Worte höre, zerbricht noch mehr in mir.
Die letzten Monate zogen an meinem inneren Auge vorbei.
Mittendrin Louis und ich und unser unfassbares Glück, wieder beieinander zu sein. Begleitet von den Erinnerungen an den Tag von Louis Beförderung. Das war einer der schlimmsten Tage überhaupt. «Ich werde sehr viel arbeiten müssen.» – «Aber Louis, du hast mir doch versprochen, dass …» – «Ich kann mir diese Chance nicht entgehen lassen. Aber wir schaffen das.»
Ganz ehrlich. Wir haben es nicht geschafft.
Ich war nicht bereit, einen notorisch überarbeiteten und ausgelaugten Louis durch diese harte Zeit zu tragen und ihn nebenher seine daraus resultierende schlechte Laune an mir auslassen zu lassen. Ganz geschweige von dieser verfluchten Cloe, die ihm Abends die ganze Zeit Nachrichten geschickt hat. Was will sie überhaupt? Die konnten wir nun wirklich nicht auch noch gebrauchen.
Ausserdem hätte schlicht und einfach auch ich ihn gebraucht. Bei mir, mit mir, für uns. Mehr denn je.
***
Und so wurde uns im Verlaufe des Silvesterabends bewusst, welch grosse Differenzen zwischen uns herrschten. Aus Angst, mich wieder zu verlieren, klammert er sich an mich, so wie jetzt, während er schläft. Erneut streiche ich durch sein blondes Haar. «Mein Baby.», murmle ich. Die Feuerwerke schmücken noch immer den Himmel.
Morgen wird Louis gehen. Vielleicht für immer.
Das haben wir so abgemacht. Oh mein Gott. Wenn ich nur schon daran denke.
Leider führt kein anderer Weg daran vorbei. Unsere Vergangenheit ist zu problembelastet.
Falls sich unsere Wege jemals wider kreuzen, und wir zusammensein wollen, dann müssen wir uns zuerst von einander lösen. Und zwar so richtig. Alles vergessen, was war. Die Jahre verstreichen lassen. Dem Universum und unserem Glück vertrauen.
Und diesen ersten Schritt davon morgen zu gehen, das wird das schwerste sein.
Verzweifelt drücke ich den schlafenden Louis an mich, so lange ich noch kann. Ich drücke ihm ein Kuss aufs Haar. Müde mache ich es mir neben ihm gemütlich, wohlwissend, zum letzten Mal.
Louis und ich ... unsere Geschichte ... sie endet an dieser Stelle ohne Happy End.
Erschienen am 31. Dezember 2020