Eins – Jona und Laurie |

Eins – Jona und Laurie |

Foto von Tokyo Kohaku auf Unsplash

MITTWOCH

«Jona!»
Der kleine Junge mit den braunen Knopfaugen bleibt ruckartig stehen und sieht sich verwundert um. Ein Mädchen, das hinter ihm aus dem Kindergarten strömte, stolpert in ihn hinein. «Jona, du kannst doch nicht einfach …», wettert sie mit ihrem süssen Kinderlispeln.

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» Sie trägt eine blaue Jungsjacke und verstrubbelte Zöpfe. Jona hört ihr nicht zu, er hat mich erblickt. In seinem eben noch so leeren Blick leuchtet etwas auf. «Moira!», ruft er und rennt los.

Bevor ich meine Arme ausbreiten kann, wirft sich mein kleiner Lieblingsjunge an mich, schlingt seine Ärmchen um meine Beine und vergräbt seinen Kopf in meinen Jeans. «Moira, ich hab dich so vermisst!» Ich muss lachen, schliesslich haben wir uns zuletzt erst vor ein paar Stunden gesehen, nämlich als ich ihn in den Kindergarten gebracht hab. Aber, wenn wir ehrlich sind: Auch ich hab ihn vermisst. In dem grossen Haus ist es ab und an gespenstisch ruhig ohne ihn.

«Was habt ihr denn so gemacht im Kindergarten?» Ich gehe einen Schritt zurück, damit ich Jona in die Augen schauen kann. Wir lächeln uns an. «Hi Laurie.», flüstert er, während er sich zu seiner Schwester im Kinderwagen beugt. Auch sie lächelt. Ich schiebe den dunkelgrünen Wagen an und Jona hält sich mit einer Hand daran fest. Wir spazieren los.

«Wir haben Astronauten gespielt, das war sooo cool! Die vielen weissen Kissen, die waren der Mond. Die gelbe alte Lampe, die Sonne und einer der grossen Eisenbahnwagen, der war die Rakete. Wir sind darin zum Mond geflogen, wie echte Astronauten. Laila war das Mondmädchen – und die Zöllnerin. Wir mussten ihr Taler bezahlen, damit wir überhaupt erst auf dem Mond landen durften. Die Taler haben wir gebastelt, schau, ich hab dir ein paar Taler mitgebracht.» Er kramt in seiner Hosentasche und zaubert einige münzgrosse, gelb und kribbelig bemalte Papierstücke hervor. Wir bleiben kurz stehen und Jona drückt mir die Taler in die Hand. «Kannst du dir was kaufen. Kaffee.»
Ich schmunzle. «Danke Jona.»

Wir gehen weiter und der Kleine erzählt mir von seinen Abenteuern auf dem Mond, währen ich Laurie durch die Gegend kutschiere. Der Kindergartenweg ist ziemlich lang, deshalb haben wir immer genügend Zeit, uns währenddessen Geschichten zu erzählen. Jona liebt Geschichten. Jeden Morgen, kurz vor halb neun, erzähle ich ihm eine, während wir den Kiesweg entlang zum Kindergarten eilen. Mittags ist dann er dran.
Er beeindruckt mich immer wieder, mit seinen vielen schönen Worten, der Fantasie und dem Spannungsbogen. Auch ich liebe Geschichten. Laurie hört immer ganz gespannt zu. Auch aus ihr wird bestimmt eine Märchentante.

Zuhause mache ich mich ans Kochen. Es gibt Kartoffelsuppe mit Würstchen. Jona ist begeistert.

«Wenn du kochst, mal ich in mein Kindergartenbuch!»
«Tolle Idee.»

Während ich in der Küche scheppere, wird im Wohnzimmer ein Riesenkrach veranstaltet. «Tschuldigung!», japst Jona, bevor er zum Esstisch eilt, um in seinem Buch zu malen. Er wird wohl seine Stifte aus dem Schrank gerupft und dabei allerlei Spielsachen mit aus dem Schrank gerissen haben. Ein Blick um die Ecke bestätigt meine Vermutungen. «Das räumst du nachher wieder ein!»

«Ja-haa.», singt der Kleine und lässt seine Farbstifte auf dem Papier hin und her gleiten. Gedankenversunken zeichnet er ein Raumschiff. Ein rotes mit hellblauen Streifen.
Laurie quiekt vergnügt. Die unterhält sich wohl bestens mit ihren Stofftieren in ihrem Laufgitter und hinter mir zischt etwas. Die Suppe! Eilig drehe ich das Gas zurück, damit sie nicht überkocht. Mit schnellen Handgriffen schneide ich die Würstchen klein, damit sie in der Suppe besser schwimmen und später mit dem Löffel besser eingefangen werden können.

«Bist du endlich fertig?»
Die Teller stehen bereit, sie müssen nur noch befüllt werden.
«Natürlich, wie siehts bei dir aus?»
«Klar!» Stolz streckt mir Jona sein Buch mit der Zeichnung hin. Das Papier ist übersäht mit Sternen rund um das Raumschiff. «Das hast du toll gemacht! Das kannst du Mama und Papa später zeigen, die werden sich freuen.»
«Oh ja!»

Wir haben das Kindergartenbuch erfunden, damit Jona seinen Eltern am Abend alles zeigen kann, was er eben so erlebt hat. Manchmal kleben wir auch was rein, oder ich schreibe ein paar Zeilen für ihn. Das Buch ist wie ein Tagebuch. Auch ich schaus mir immer wieder gern an.

«Aber jetzt hilf mir erstmal und stell uns zwei Becher auf den Tisch, bitte.»
«Na dann.» Er angelt sich die beiden Becher von der Anrichte und stellt sie auf den Tisch. Ich schöpfe Suppe und bringe sie ebenfalls zum Esstisch. Dann hole ich die Kleine und hebe sie aus ihrem persönlichen Miniquadrat Fussboden. Sie quiekt.
Wir löffeln die Suppe und veranstalten eine grosse Sauerei. Was freu ich mich aufs Putzen.

Erschienen am 5. Oktober 2018