Dreizehn – Immer nur zu dir |
Dreizehn – Immer nur zu dir |
Foto Unsplash
Etwas schrilles hallt durch meine Träume, ich reisse die Augen auf. Steif und verschlafen liege ich in meinem Bett, während sich meine Augen erstmal an das irritierend helle Sonnenlicht in meinem Schlafzimmer gewöhnen müssen. Dann dämmert es mir. Alles.
» Gestern Abend spät, da habe ich Mano verlassen. Während einer Diskussion. Per SMS. – Wie konnte ich nur so feige sein? Das schlechte Gewissen überkommt mich augenblicklich. Mühsam, versuche ich mich im Bett aufzurappeln. Vor mir liegt ein leerer Samstag, ohne jegliche Termine und Perspektiven. Das Leben aller anderen geht weiter. Bei meinem habe ich gestern vor dem Schlafengehen auf den Pausenknopf gedrückt.
Kaum sitze ich aufrecht im Bett, werfe ich mich zurück auf die Matratze.
Aufstehen... ich kann das nicht. Es graut mir davor, mein Handy hervorzukramen. Bestimmt hat sich Mano nochmal gemeldet. Was soll ich ihm sagen? Was? Ich hab keine Ahnung. Es ist nur... ich bin wie gelähmt.
Zu viel ist passiert in den letzten Wochen.... Monaten. Jahren.
Mein Kopf brummt, als hätte ich den Weinkeller von Nics Grossvater allein leer getrunken. – Schön wärs.
Demonstrativ ziehe ich mir die Decke über den Kopf. Wie gern wär ich jetzt bei Jona und Laurie. Bei den zwei Mäusen ist meine Welt eine Bessere.
Während ich so daliege fahren meine Gedanken Achterbahn: Hätte Mano einfach mal das Tempo gedrosselt... Er ist mit Karacho in unsere Beziehung gedrosselt, obwohl ich ihn immer wieder gebeten habe, es langsam anzugehen. Ihm erklärt habe, dass in mir drin das unbändige Chaos herrscht und ich noch lange nicht alles verarbeitet habe.
Mano ist toll, keine Frage. Aber das ändert nichts daran, dass zwischen meiner Trennung von Louis und dem Zusammentreffen mit ihm viel zu wenig Zeit ins Land gezogen ist. Zumal mein Herz dummerweise davon ausging, dass Louis sowieso demnächst wieder mitten in der Nacht vor meiner Türe steht. Ich habe auf ihn gewartet. Wie sonst auch immer. Ich war einfach noch nicht bereit. Noch lange nicht.
Da hilft auch der fürsorglichste Typ nichts.
Auch wenn er unglaublich lieb ist und hübsch.
Ach Mano, was habe ich dir nur angetan?
Kurz zucke ich zusammen. Ein schrilles Ge... Meine Türklingel reisst mich aus meinem Gedankenkarussell. Panisch springe ich auf. Die Haare zerzaust, das Gesicht zerknautscht. Wer das wohl sein mag? Doch nicht etwa... Mano?
Zerstreut stehe ich an der Schwelle meiner Wohnungstür und lausche, wie der Türöffner unten summt, die Haustür aufgezogen wird, wieder ins Schloss fällt, dann den schweren Schritten im Treppenhaus.
Meine Gedanken rasen, mein Herz pocht merklich laut, aber in mir drin, da ist alles ganz ruhig. Was ist das nur für ein Moment?
Und dann steht er vor mir und blickt mir tief in die Augen.
Louis.
What the..? – «Guten Morgen Moira.»
Entgeistert lege ich meinen Kopf schief.
«Darf ich reinkommen?»
Wortlos mache ich einen Schritt zur Seite.
Louis streift seine Schuhe ab.
«W-w-w... a... s-?» Das kann nicht wahr sein.
«Hab gedacht, wir könnten zusammen frühstücken» Louis präsentiert mir die lila Tüten der Bäckerei aus seinem Heimatdorf.
Wir haben uns seit Wochen nicht mehr gehört. Seit seiner Liebeserklärung, als ich mit den andern in den Bergen war. – Das war auch so ein Wochenende für die Geschichtsbücher. Louis scheint einen siebten Sinn für die Momente zu haben, in denen mich seine Nachrichten am meisten berühren.
Und jetzt sein Auftauchen... Dieses Timing.
Ich hab noch nicht mal Iris von Mano und mir erzählt.
Verfluchte Magie.
Als wäre es das normalste der Welt, spaziert Louis an mir vorbei, durch meine Wohnung, in meine kleine Küche. Dort öffnet er Schranktüren und Schubladen, deckt den kleinen Küchentisch in der Ecke und packt sein mitgebrachtes Frühstück aus.
Derweil stehe ich nur so da und versuche mir einen Reim auf das zu machen, was gerade vor meinen Augen passiert. Wäre Louis einen Tag früher gekommen, hätte ich gestern nicht in einem Anfall von Entschlossenheit und Mut der ganzen Manosache ein Ende bereitet ...
Dann wär Mano jetzt auch hier. – Was hätte Louis dann gemacht? Wie hat er sich das vorgestellt?
Ich versteh die Welt nicht mehr.
Ja und so wurde aus meinem Samstag ohne jegliche Termine und Verpflichtungen, ein in Watte gepackter, bedeutungsloser Kalendertag ohne wirkliche Uhrzeit. Mit meinem verloren geglaubten Lieblingsmenschen. So viele Stunden nur mit Louis. Wie oft habe ich mir das von ihm in der Vergangenheit gewünscht? Es blieb mir die ganze Zeit verwehrt.
Nun tat es endlich so gut, ihn bei mir zu haben. In seine schönen Augen zu blicken, seinen unwiderstehlichen Louisduft einzuatmen. Nichts war geklärt, nichts ergab Sinn ... Aber Louis war wieder bei mir.
Wir wussten nicht, was wir sagen sollten, assen unser Frühstück, tranken Kaffee.
Manchmal fragte ich ihn etwas. Er antwortete wortkarg. So viel unausgesprochenes schwirrte in meiner Küche, zwischen uns.
Als ich schliesslich von Küchentisch aufstand, um abzuräumen, fasste sich Louis ans Herz: «Was ist mit Mano?»
Ich verharrte augenblicklich, spürte seinen Blick auf meinem Rücken.
«Wir sind nicht mehr zusammen.» Nie zuvor hörte ich jemand erleichterter aufatmen. «Seit gestern Abend.»
Aber das schien meinen mit Gefühlskram sonst so zurückhaltenden Louis nicht zu interessieren. Er sprang auf und drückte mich an sich. Extrem fest. Extrem lang. Mir schien, als würde er mich nie wieder los lassen. Anfangs liess ich seine Umarmung steif zu, das wollte ich Mano nicht antun.
Aber irgendwann entspannte ich mich, bis ich schliesslich meinen Kopf auf Louis Brust bettete, während seine rechte Hand durch mein Haar fuhr, darin verharrte und diesen halbwegs sanft an sich drückte.
All die Ungereimtheiten, all die moralischen Konflikte, all die Probleme.
Ich verschob sie auf später.
Denn eins wusste ich ganz genau: Sobald ich mich dem stelle, werde ich den Boden unter den Füssen verlieren.
«Endlich.», murmelte Louis immer wieder.
Natürlich war ich gerührt. Aber ich war auch verwirrt. Und zwar enorm.
Nach dem Frühstück pflanzten wir uns auf die Couch. Wir streamten unsere Serie, die damals, zusammen mit dem abrupten Ende unserer Beziehung im letzten Herbst so plötzlich in den Winterschlaf fiel, an diesem grauen Frühlingstag weiter. Den ganzen Nachmittag lang.
Manchmal unterhielten wir uns kurz, aber eigentlich, lagen wir einfach nur so da.
Da flimmerten die Charaktere über den Bildschirm. Als wären sie nie weggewesen. Als hätten wir nur kurz Pause gedrückt. Als sässen Louis und ich immer noch da. Als wären wir nie von diesem Sofa aufgestanden. – Dabei ist dazwischen die Welt passiert.
Erschienen am 30. Dezember 2020