Zehn – Gebrochene Herzen |

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Zerwühlte Bettdecke

Foto von Krista Mangulsone auf Unsplash

In meinem Wohnzimmer brennt bloss die Ständerlampe. Vom Gang aus, fallen auch ein Paar Lichtstrahlen in den sonst so düsteren Raum. Ich liege auf dem schwarzen Sofa unter den holzigen Dachschrägen auf Iris Schoss und weine.

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» Meine Schwester streicht mir mit mechanischen Bewegungen durchs Haar und hört mir beim Wimmern und Jammern zu. Ich verstehe die Welt nicht mehr.

Wieso hat Louis mir geschrieben? Wieso jetzt? Jetzt, wo ich kurz davor war, ihn endlich endgültig los zu lassen. Jetzt, wo sich mein Herz, zwar mit Verzögerung, aber doch langsam, Mano öffnet. Jetzt, wo ich es gewagt habe, den unerschütterlichen Glauben an dieses eine Happy End zaghaft zu begraben.

Alle alten Wunden sind wieder aufgerissen. Mein Herz hat grosse Mühe, ohne Probleme zu schlagen. Alles tut so weh.

Louis, du verdammter Vollidiot.

Mein Schluchzen erstickt in Iris Schoss.
«Meine kleine Moira.», versucht sie mich zu beruhigen.
«Ich will nicht...» – weiter komme ich nicht.
«Ja, ich weiss.»
«Aber...»
«Ich versteh dich, mein Schatz.»
«Er ist...»
«Er ist der Inbegriff eines Superdepps.»
Mein Atem überschlägt sich.

Hektisch klammere ich mich an dem Stück Papier fest. Jedesmal wenn ich ein Wort erkenne, füllen sich meine Augen mit Tränen und alles verschwimmt. Dieses Sofa, Iris' Platz, das ist doch sein Platz. Ich atme schwer ein, sein Duft steigt mir in die Nase, der muss immer noch hier in den Sofakissen stecken. Das ist zwar unmöglich, aber gut, denn... dieser Geruch beruhigt mich. Louis Geruch. Das fühlt sich an wie zuhause.

***

(Iris)

Es ist zwei Uhr nachts, als ich es wage, Moiras Kopf auf ein Sofakissen zu betten, sie zuzudecken und mich leise aus ihrem Wohnzimmer zu stehlen. Stundenlang sass ich nun so da, auf diesem Sofa und war für meine Schwester da. Vor einiger Zeit ist sie ganz erschöpft eingeschlafen. Aber da konnte ich noch nicht weg, erst als ihr Atem ruhig ging, konnte ich es verantworten, sie hier alleine zurückzulassen.

Also sass ich ziemlich unbequem da und spielte Handyspiele. Mein Herz ist ein bisschen mit gebrochen. Was fällt Louis nur ein? Wenn ich könnte, ich würde ihm den Hals zweimal umdrehen.

Auf dem Weg aus dem Zimmer, nehme ich Moira das zerknitterte Stück Papier aus der Hand und lege es auf den Wohnzimmertisch.

Dabei überfliege ich Louis Zeilen und atme schwer aus. Na klar liebst du sie noch immer, Sherlock. Ihr seid das jeweilige Gegenstück des anderen. Aber das hätte dir auch im letzten Herbst einfallen können. Oder all die Jahre zuvor. – Du hättest diese wertvolle Beziehung nicht einfach an die Wand fahren müssen, immer und immer wieder. Mir sind deine Dramen so leid, Junge.

Nach einem letzten Blick auf das schlafende Häufchen Elend, lösche ich das Licht der Ständerlampe und schleiche aus dem Raum, schliesse die Tür leise hinter mir. Im Gang blendet mich das helle Licht. Ich putze mir in Moiras Bad mit meiner dort beheimateten Zahnbürste die Zähne und falle dann in ihr Bett.

Manos Shirt liegt auf der einen Bettseite. Ich ziehe mir die Decke über den Kopf und atme noch einmal schwer ein und aus. Das ist alles so surreal.

«Sie schläft, ich bleibe bei ihr. Sorry fürs überstürzte Aufbrechen vorhin. Es ist alles ganz dramatisch.», texte ich Nic. Dann halte ich kurz inne und eröffne einen neuen Chat mit Elia.

«Wie konnte er nur?», schreibe ich, bevor ich mein Handy weglege und erschöpft die Augen schliesse.

Morgen müssen wir mit Mano reden. Ich weiss nicht, was nun am Besten für meine Moiramaus ist. Liebes Universum, bitte lass Wunder geschehen und uns morgen den richtigen Weg einschlagen. Noch mehr Theater erträgt meine Schwester nicht. Und wenn ich ehrlich bin, ich auch nicht. Seit vielen Jahren begleite ich sie durch ihre Hochs und Tiefs mit diesem verfluchten Grafiker und endlich war da Licht am Horizont. Lass es nicht schon wieder erlöschen.

Ich schlafe ein.

Erschienen am 9. März 2020