Acht – Eiskalt |
Acht – Eiskalt |
Foto von Bernard Hermant auf Unsplash
«Moiiiira.», kreischt Iris. Dann fährt sie in mich rein.
Nic fährt gekonnt an uns beiden vorbei, bevor er scharf abbremst. Meine Zwillingsschwester klammert sich lachend an mich und benutzt mich als eine Art Boje, damit sie nicht auf das kalte Eis fällt.
» Iris konnte noch nie gut Schlittschuhfahren. Niemand weiss wieso. Wir haben zwar beide die gleiche (kaum vorhandene) Schlittschuhausbildung genossen, aber irgendwie hat sich die Quintessenz des magischen Schlittschuh-1-mal-1 nur bei mir wirklich ins Gedächtnis eingebrannt.
Was nicht heissen will, dass ich besonders gut Schlittschuhlaufen kann, aber immerhin kann ich mich selbstständig auf dem Eis fortbewegen und sogar bremsen.
Heute fühle ich mich seit langer Zeit mal wieder leicht. Das dumpfe Gefühl, mein ständiger Begleiter, hat sich beinahe verkrümelt und ich kann den Nachmittag mit den anderen drei schon beinahe geniessen.
Keine Ahnung, wieso mir das in der letzten Zeit so schwer gefallen ist.
Es schien mir unmöglich, positive Gefühle anzunehmen, unbeschwert zu sein und zu Lächeln. Dabei hätte ich guten Grund dazu gehabt. So wenig Theater wie in den letzten drei Monaten, gab es schon einige Jahre nicht mehr, in meinem Leben. – Vielleicht brauchte ich einfach meine Zeit, um mich von all dem was vorher war zu erholen. Keine Ahnung.
Zu viert drehen wir unsere Runden. Mano, Nic und ich halten abwechselnd als Stützen für unsere Bruchpilotin hin. Wir unterhalten uns. Über Gott und die Welt. Nic erzählt vom Büro und wie streng es da ist. Seine Freundin himmelt ihn währenddessen an.
Alles an Nic begeistert sie. Sogar seine neue Signatur im Geschäftsmail.
Mano nimmt meine Hand und beginnt, schneller zu laufen. Er zieht mich hinter sich her und während ich drastisch an Geschwindigkeit gewinne, kreische ich auf.
Protestierend versuche ich, Mano dazu zu bewegen, wieder langsamer zu werden. Aber der macht keine Anstalten dazu, im Gegenteil. Erst nach einer ganzen Runde verzweifeltem mit einem Arm in der Gegend Rumrudern und überfordertem Mano-hinterher-Stolpern meinerseits, bremst er ab und bleibt so ruckartig stehen, dass ich ihn in rein rase. Er verstrubbelt meinen Pony und drückt mir einen Kuss auf die Stirn.
Kurz schliesse ich die Augen, geniesse Manos Umarmung und die zaghaften Sonnenstrahlen, die an meiner kalten Wange kitzeln. Ich lächle.
***
Nach dem Besuch der Eisbahn fahren wir in die Stadt und parken unter meiner Wohnung. Mano und ich in Manos Wagen und Iris und Nic in Nics Audi Limousine.
Die Türen werden zugeschletzt, wir sind wieder vereint. Iris' Euphorie hat keinen Deut nachgelassen. Sie scheint sehr glücklich zu sein. Das lässt auch mich lächeln. Wenns ihr gut geht, geht es einem Teil von mir auch gut.
Wir wollen uns ein Lokal zum Abendessen suchen, schlendern deshalb durch die fast menschenleere Stadt.
An so einem kühlen Sonntagvorabend, scheint nicht gerade der Bär zu steppen
in unserem kleinen Städtchen.
Die Jungs gehen voraus. Iris lässt sich zu mir zurückfallen, umklammert meinen linken Arm und hängt sich während dem Laufen an mich.
«Na, mein Klammeräffchen?» Lächelnd schiele ich zu ihr rüber.
«Ach Moira.»
«Ja, was denn?»
Iris macht eine bedeutungsschwangere Pause.
Ich fange ihren Blick auf, schmunzle.
Sie holt tief Luft. «Weisst du, ich weiss, dass die letzten Monate nicht leicht für dich waren. Ich weiss auch, dass Mano Vollgas gibt und du vielleicht noch etwas mehr Zeit gebraucht hättest. Aber heute, da hast du gelächelt und...» Iris bleibt stehen und streicht mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht, dann hebt sie meinen Kopf, damit ich ihr in die Augen sehe.
«Ich weiss, dass Mano dir gut tut. Ich will, dass er dir dein wunderschönes Lächeln wieder zurück in dein leicht grummeliges Gesicht zaubert.»
Zaghaft lächle ich sie an, aber sie ist noch nicht fertig: «Ich wünsche mir, dass du glücklich bist, Moira. Die alten Lumpengeschichten hinter dir lassen kannst und der glitzernde Glanz wieder in deine Augen zurückkehrt. So, wie ich dich bisher immer gekannt habe.»
Kurz lasse ich ihre Worte auf mich wirken. Die Jungs scheinen bemerkt zu haben, dass wir ihnen nicht mehr dicht auf den Fersen sind. Sie warten vor dem Schaufenster eines Schuhgeschäfts.
Nic ruft nach Iris. Sie lächelt mich aufmunternd an und kneift mir liebevoll in die Wange, dann macht sie sich auf den Weg zu Nic und Mano.
Leicht verdattert bleibe ich zurück in der leeren Einkaufsstrasse.
Dann gebe ich mir einen Ruck und folge ihr in Richtung der Jungs.
***
Der Abend im Bistro in der Kastanienallee war echt nett. Wir haben gequatscht, Sushi und Suppe gegessen, Kuchen geteilt und Wein und Kaffee getrunken.
Beim Parkplatz unter meiner Wohnung verabschieden wir uns. Iris umarmt mich stürmisch, Nic zurückhaltend. Auch Mano verabschiedet sich. Er hat noch nicht alles für die Arbeit morgen früh dabei und übernachtet deshalb zuhause. Das ist schon beinahe eine Seltenheit, aber ehrlich gesagt, freue ich mich darauf, ein paar Stunden nur für mich zu haben.
Die drei anderen verschwinden in ihren Wagen. Türen schletzen, Bremslichter leuchten auf, Motoren werden gestartet.
Ich warte an der Hauswand und winke nochmal zur Verabschiedung, sehe den beiden Autos nach, bis sie aus meinem Blickfeld verschwinden. Dann atme ich einmal tief ein und aus, vergrabe die Hände in meiner Jackentasche und lehne mich nach hinten an die kalte Wand.
Diese klare Winternacht scheint eine besondere Magie zu versprühen. Vieles fühlt sich leicht an, das tut unglaublich gut. – Nach einiger Zeit erwache ich aus meiner Träumerei und löse mich von der Wand. Mache mich auf den Weg in meine noch im Dunkeln liegende Wohnung, um dort das leise Leben in vollen Zügen geniessen zu können.
Auf dem Weg passiere ich meinen Briefkasten.
Obwohl ich schon daran vorbeigelaufen bin, halte ich inne, weil mir auffällt, dass ich ihn schon länger nicht mehr geleert habe. Das gehört nicht gerade zu meinen Lieblingsaufgaben.
Ich mache auf Absatz kehrt und krame den Schlüsselbund aus meinem Mantel. Flink schliesse ich den Briefkasten auf und angle mir mit der anderen Hand den Papierstapel.
Ich bin schon dabei, mich unbekümmert auf den Weg nach oben zu machen, als mein Blick auf den obersten Brief auf dem Stapel fällt. Ein weisses C5-Couvert.
Darauf steht in krakeliger Schrift mein voller Name, sonst nichts.
Prüfend schweift mein Blick nochmal über das kleine weisse Rechteck. Mir bleibt die Luft weg. War es vorher noch frisch ist mir nun eiskalt und es scheint, als tanzen kleine Sterne rund um meinen Kopf.
Ich erkenne die Schrift.
Erschienen am 18. Februar 2020