Elf – Dunkle Tunnels |
Elf – Dunkle Tunnels |
Foto von Stijn de Strake auf Unsplash
Panisch starre ich aus dem Fenster des Zuges. Ich traue mich nicht, mich zu rühren, atme laut aus, halte dann die Luft an, nur um einige Zeit später, wieder hektisch einzuatmen.
» Nervös ziehe ich die Ärmel meines Oberteils über die Handgelenke, spüre dabei, wie es in meinen Armen kribbelt. Mir ist warm, der Zuggang vor mir ist leer, genauso leer wie mein Inneres.
Schnell streiche ich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht, blicke nochmal nach draussen, auf den Perron, aber da ist keiner mehr. Dann erscheint eine Gestalt in meinen Augenwinkeln. Sie scheint auf mich zuzulaufen. Aber ich kann keinen Blick riskieren, nicht jetzt. Nun ist mir kalt, am ganzen Körper.
Auch ohne hinzusehen, wusste ich gleich, wem die Silhouette gehört.
Ich würde sie unter Tausenden erkennen. Die Art wie sie sich bewegt, dieses Zwicken in meiner Magengegend. Mein Kiefer bebt. Die Person bleibt regungslos vor meinem Viererabteil stehen und starrte mich unverhohlen an.
Louis.
Da sitzen wir nun, im Zug in Richtung Bern. Die Landschaft zieht stumm an uns vorbei. Keiner, weiss wirklich, was er sagen soll. Ich lächle ihn aufmunternd an. Er lächelt gequält zurück, dann blickt er schnell weg.
Seinen Augen fehlt jeglicher Glanz, sein Kiefer scheint angespannt und zwischen seinen zusammengekniffenen Augenbrauen sind zwei tiefe Furchen. Ich hab ihm das Herz gebrochen.
Verdammt.
Sein Brief kommt mir in den Sinn. Meine Antwort darauf.
Das waren die schlimmsten Zeilen, die ich in meinem ganzen Leben schreiben musste. Der Fairness halber, hab ich von Anfang an reinen Tisch gemacht: «Lieber Louis, Schön von dir zu hören. Natürlich hab ich mich auch oft gefragt, wies dir so geht. Mir geht es gut, wirklich. Wahrscheinlich so gut, wie schon lange nicht mehr. Louis, es bricht mir das Herz beim Schreiben dieser Zeilen. Aber… Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich bin in einer neuen Beziehung.»
Meine Augen füllen sich mit Tränen, hier im Zug. Mir ist elend zumute, aber was hätte ich machen sollen? Ihn anlügen? Oder ihm erst auf zwei Seiten mein Herz ausschütten, um dann im Postskriptum nebenbei zu erwähnen, dass ich einen neuen Freund hab?
Natürlich hab ich nicht nur Louis Herz gebrochen, sondern auch Mano schwer verletzt.
Louis Brief, mein Brief, dass ich Louis Wunsch nach einem Treffen eingewilligt habe und nun gemeinsam mit ihm einen Samstagabend verbringen werde. Wenn ich nur schon daran denke, wird mir übel. Was hab ich getan?
Nichts, eigentlich. Im Gegenteil, ich war immer ehrlich zu Mano, habe ihm erzählt, dass ich Mühe habe, mit Louis abzuschliessen. Aber er wollte das nicht wahrhaben.
Es ist nicht so, dass ich nicht stolz auf das wäre, was Mano und ich geschafft haben. Wir haben dieses zarte Pflänzchen von Beziehung gezogen. Ich freue mich auf all die Dinge, die wir noch schaffen werden. Und darauf, dass ich die Vergangenheit endgültig loslassen und Unbeschwert sein kann.
Irgendwann. Bald hoffentlich. Vielleicht.
Und dann ist da jetzt Louis, der mich ansieht wie ein gequälter Hund. Gepaart mit einer Spur Vorwurf in seinem kalten Blick, den ich schneller als jede SMS lesen kann.
Er tut mir so leid. Wenn ich könnte ich würde die Welt gut zaubern. Für ihn, für Mano. Hauptsache alle sind glücklich. Ich kann nicht damit umgehen, dass zwei Menschen, die mir so viel bedeuten, so todunglücklich sind. Und das wegen mir.
Wir rattern durch die Landschaft. Verfolgen die Aare, schiessen durch dunkle Tunnelröhren und streifen grüne Hügel. Der Zug fährt wohl seine Höchstgeschwindigkeit.
Louis schüttelt kaum merklich den Kopf. Instinktiv greife ich nach seiner Hand, um ihn zu beruhigen, aber er entzieht sie mir, als wäre ich Lava. Seine nicht sonderlich subtilen Hinweise kommen ziemlich klar an.
Natürlich tut es mir leid.
Aber so lasse ich nicht mit mir umgehen. Ich hab nicht meinen ganzen Mut zusammengenommen, mich gegen die Meinung meiner Freunde aufgelehnt und zum ersten Mal seit langem einen Lidstrich gezogen, um den ganzen Abend von dem Typen, der mich angefleht hat, mit ihm essen zu gehen, verachtet zu werden.
Deshalb fasse ich mir ans Herz und egalisiere Louis Aufstand. «DU hast mich verlassen. Schon vergessen?» Sein Tunnelblick schellt weg von mir, aus dem Fenster.
«Obwohl ich dich, unmissverständlich darum gebeten habe, das nicht schon wieder zu tun. Weil ich GENAU GEWUSST habe, dass du nicht damit klar kommst, wenn wir getrennt sind und dass du dich früher oder später melden wirst.»
Nun blickt Louis auf den dunkelgrauen Linoleum Boden.
«Ich hab dich inständig darum gebeten, dieses eine Mal nicht vor allem davon zu rennen und deine... oder unsere... Probleme mit mir durchzustehen, damit wir endlich wieder eine gefestigte Beziehung führen können, aber...» – Ich muss Luft holen.
Louis hats versaut, er hats sowas von versaut. Wieso hat er es soweit kommen lassen? Er hätte klüger handeln können. Da ist eine so tiefe Verbundenheit, wir können nicht ohne einander sein. Wir konnten es nie. Seit Jahren nicht. Wir haben es oft genug ohne einander versucht, aber schlussendlich hat uns nunmal jeder Weg wieder zum anderen geführt.
Langsam verlassen wir die malerischen Landschaften. Wir streifen voll besprayte Häuserblocks. Dann präsentiert sich vor uns die wohl schönste Aussicht aus einem Schweizer Zug.
Mürrisch kneife ich die Lippen zusammen.
Louis holt Luft, um etwas zu sagen, aber ich bin noch nicht fertig. «Du wolltest nicht. Du warst gemein zu mir. Ich habe um uns geweint und dann hat dein Telefon geklingelt und du hast...» – ich muss den Kloss in meinem Hals herunterschlucken und mich sammeln, meine Stimme klingt immer schriller – «...einfach abgehoben. Mitten in unserem Gespräch. Du hast telefoniert, mit Elia, oder was weiss ich mit wem, als wäre nichts. Dann hast du lachend aufgelegt. Und dann hast du mir gesagt, dass du jetzt gehen musst. Hast mich weinend auf dieser Parkbank zurückgelassen und bist... einfach gegangen, Louis. Du bist einfach gegangen.»
Da habe ich ihn zum letzten Mal gesehen.
Sein Blick wird weicher, er kaut auf seiner Unterlippe, versucht, etwas zu sagen.
Erneut komme ich ihm zuvor, in mir brodelt es. Da ist so viel Ungesagtes. «Ich hab dir gesagt, dass ich nicht mehr auf dich warten kann. Mein ganzes Leben lang. Immer nur warten. Auf dich. – Also komm mir jetzt nicht so vorwurfsvoll. Bitte.»
Die Lautsprecher im Zug ertönen nach einem vorangehenden Rauschen.
«Nächster Halt: Bern.»
Erschienen am 4. April 2020