Vier – Bunte Kaugummis |

Vier – Bunte Kaugummis |

Foto von Ruth Ochoa auf Unsplash

Was für ein magischer Abend. Auf einem grossen Platz inmitten von Kastanienbäumen wird getanzt und gelacht. Alles ist in goldenes Licht getaucht, die Musik klimpert vor sich hin, der kühle Herbstwind lässt die Blätter im Baum rascheln.

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» Ich sitze auf einer Mauer etwas abseits und trinke den letzten Schluck Weisswein aus einem Plastikbecher. Iris und Nic schweben gemeinsam über die gepflasterte Tanzfläche, ich beobachte sie und freue mich an dem lauten Lachen meiner Zwillingsschwester. Es ist bis hierhin zu hören.

«Moira?»
Verblüfft drehe ich mich um. Da steht ein Typ. In beigen Hosen und einem hellblauen Hemd. Ob der nicht friert? Ich finde es sogar in meiner geliebten Lederjacke eher frisch. Der Typ lächelt mich an. Woher kenn ich ihn schon wieder? Ach ja, das ist ja…

«Mano.», erklärt er mir. 
Kurz seh ich ihm in die Augen, dann wieder weg. «Hab ich gewusst.»
«Ganz sicher. Wo ist Iris?» Er setzt sich neben mich.
«Hey, das war meine Mauer.»
«Genau: war.» Mano schielt zu mir hinüber.
Kurz lächle ich ihn an. Er ist ein sehr guter Freund von Iris. Aber ich kenne ihn nicht so gut. Meine Schwester verbringt ihre Zeit mit so vielen verschiedenen Menschen, da verliert man schon mal den Überblick.

Ausserdem mag ich die alle irgendwie nicht besonders. Keine Ahnung, wieso. Und Mano gehört explizit zu der Gruppe von Iris' Freunden, die mir suspekt vorkommen. Ich möchte noch einen Schluck trinken und bemerke erst, dass der Becher leer ist, als ich ihn an meinen Mund führe.

«Was trinkst du da?»
Ich mustere Mano. «Wein?»
«Wieso klingt das wie eine Frage?»
Ich verdrehe die Augen.
«Dein Becher ist ja leer. Gib her ich hol dir Nachschub!»
Verdutzt bleibe ich alleine zurück auf der Steinmauer sitzen.
Nach einiger Zeit kommt Mano zurück. «Hier.» Er streckt mir den gefüllten Plastikbecher hin.
«Danke.»
«Bitte. Cheers!»
Wir stossen an und ich bin leicht überrumpelt von seiner Aufmerksamkeit.

«Willst du tanzen?»
Was soll die Frage? «Nein?»
«Wieso nicht?»

«Keine Ahnung?»
Mano lacht mich aus. «Du immer mit deinen Fragezeichen.»
«Wie meinst du das?»
«Mano!», ruft jemand hocherfreut. Es ist Iris. Sie fällt ihm um den Hals. Nic steht hinter ihr. Die zwei sehen hübsch aus. Total elegant und herausgeputzt.

Die anderen drei quatschen eine Weile über belangloses Zeugs, das mich nicht interessiert. Deshalb höre ich einfach nur mit einem halben Ohr zu und schlürfe nebenbei Wein aus meinem Plastikbecher. Plötzlich wird es kurz ganz still, dann quietschten die Lautsprecher und schlussendlich trällern die fröhlichen Beats eines Aviciiklassikers durch dieselbigen. Lautes Gelächter mischt sich mit der Musik und alle stürmen in Richtung Tanzfläche.

Leider auch meine Freunde.
Iris reisst mich am Arm. «Du kommst mit!»
Ich kann mich nicht aus ihrem Griff befreien und stolpere ihr deshalb nach. «Wieso spielen die auf einmal Avicii? Vorher kam doch nur so Klassikgedöns.»

***

«Gute Nacht.»
«Gute Nacht.» Die Tür fällt hinter mir ins Schloss. Meine Lippen sind zu einem Lächeln verzogen. Als ich es bemerke setze ich eine Pokermiene auf, aber nach wenigen Sekunden springen meine Mundwinkel wieder in ihre Ursprungsposition. Was soll das?

Allerdings. Wem mache ich was vor? Meine Wohnung präsentiert sich mir so spät in der Nacht gespenstisch ruhig und in Dunkelheit gehüllt. Niemand kann mich sehen. Also lasse ich das Lächeln ein Lächeln sein und schüttle den Kopf ab mir selber. Wieso fühle ich mich so?

Das war ein wirklich schöner Abend. In meinem Kopfkino spielt sich eine Wiederholung davon ab. Wie wir getanzt haben, alle zusammen. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich zum letzten Mal so getanzt habe, die Musik das Zepter meiner Bewegungsabläufe ganz und gar übernommen hat. Vielleicht ist das in meinem bisherigen Leben noch nie der Fall gewesen. Dabei war das eben ein echt schönes Erlebnis.

Verträumt stolpere ich in mein dunkles Badezimmer und putze mir gedankenversunken die Zähne.

Danach befeuchte ich einen Waschlappen und fahre mir damit halbpatzig übers Gesicht. Plötzlich bin ich unfassbar müde. Mit letzter Kraft schleppe ich mich ins Schlafzimmer und schäle mich aus meinen Kleidern. In Unterhemd und Unterhose falle ich in mein kuschliges Bett, um mit halb geschlossenen Lidern unter meine warme Bettdecke zu kriechen.

Todmüde und doch hellwach liege ich nun mit geschlossenen Augen im Bett, während meine Fantasie Hand in Hand mit meinen Erinnerungen die Szenen des vergangenen Abends knatternd auf die alte Leinwand in meinen Träumen projiziert.

Wir haben gelacht und Wein getrunken. Erst aus Bechern und dann irgendwann aus einer schweren dunkelgrünen Flasche. Eine Zeit lang habe ich sogar mit Mano getanzt. Wann habe ich zuletzt mit einem Jungen getanzt? Geschweige denn, mit einem Mann? Hab ich eigentlich schon einmal mit einem Mann getanzt?

***

Iris und Nic, die zwei Langweiler, die zuvor ja unbedingt zu der Party mit den Lichterketten in den Bäumen gehen wollten, haben sich im Laufe des Abends verabschiedet, weil sie müde waren. – Müde. Das ich nicht lache. Die konnten es nur nicht erwarten, sich gegenseitig die Kleider vom Leib zu reissen.

Kurz übermannt mich der Schlaf, aber nur wenig später flackern meine Lider und weiter Erinnerungen schleichen sich in meine Gedanken. Nebenbei dreht sich mein Zimmer sanft, mein Bett schaukelt, als läge ich in einer Wiege. Komisch. Bis jetzt ist mir gar noch nicht aufgefallen, dass mein Bett nicht, wie alle andern Betten auch, einfach normal auf vier Beinen steht.

Irgendwann, als die Musik verstummt war und der Platz zwischen den beleuchteten Bäumen auf einmal dunkel, nahm mich Mano an der Hand und zeigte mir die Stadt.

Er zeigte mir die Stadt in der ich aufgewachsen bin, in der ich bis heute lebe, aber er zeigte sie mir bei Nacht.

Und obwohl ich wohl eher als Eule anstatt als Mädchen hätte geboren werden sollen, kannte ich meine Stadt so nicht. Meistens verbrachte ich meine Nächte zuhause – oder bei Jona und Laurie, wenn ich sie mal wieder über Nacht hütete.

Mano zog mich durch dunkle Gassen der Altstadt, vorbei an den verlassenen Ladenlokalen, hinein in versteckte, schummrige Bars mit fröhlichen Barkeepern, die uns ungefragt Gin Tonics zubereiteten. Wir haben keinen einzigen dieser Drinks bezahlt. – Also, ich nicht. Ob Mano die alle bezahlt hat?

Die kleinen Lokale waren oft noch gut besucht, wohl hauptsächlich von Stammgästen. Es lief kratzige Musik aus den Lautsprechern. Ab und zu hallte fröhliches Lachen durch die kleinen Räumlichkeiten. Es fühlte sich an, als wäre das alles gar nicht echt gewesen, sondern eben wie dieser flackernde Film auf der alten Leinwand. Irgendwann wurden meine Augen wohl ganz klein.

«Lass uns gehen!», bestimmte Mano.
«Aber warum?», stammelte ich entsetzt.
«Weil du mir sonst noch auf dem Tresen einschläfst, kleine Moira.»
«Hm.»
«Wir können ja auf dem Nachhauseweg noch bei den Kaugummis vorbeischauen.» Mano lächelte.
«Was denn für Kaugummis?»
«Du kennst die Kaugummis nicht?»

Er nahm wieder meine Hand und zog mich aus dem dunkeln Lokal, hinaus in die Nacht. Am grossen Postgebäude vorbei, hin zu einem kleinen Innenhof. Und dort stand im schwummrigen Licht des nahegelegenen Bahnhofes neben einem grossen Baum ein roter, altmodischer Kaugummispender.
«Das gibts ja nicht.», hauchte ich.
Auf einen Schlag verschwimmen meine Erinnerungen. Ich schlafe ein.

Erschienen am 15. Mai 2019