Bei Louis – 8 |

Bei Louis – 8 |

Ein Gasthaus in Lana. Grüne Fensterläden und Balkon, Holztische und Stühle davor.

Foto © glitzergeschichten

«Wie hübsch!» Moira ist ganz entzückt. Sie hält meine Hand und zieht mich stürmisch hinter sich her, während sie begeistert jede Ecke des Städchens, in dem wir unsere Sommerferien verbringen, begutachtet.

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» Es ist echt schön, mit ihr hier zu sein. Wir kennen uns seit fünf Jahren und waren eigentlich noch nie zu zweit ein paar Tage weg. Das hätte sie sich immer gewünscht und mir auch oft vorgeworfen. Aber jetzt sind wir ja da. In Lana, einem schmucken Örtchen im Südtirol.

Die Sonne strahlt vom Himmel, wir essen Eis, besuchen Cafés, schlendern umher, unterhalten uns, lassen uns leckeres Essen schmecken und wir kuscheln in unserem gemütlichen Hotelbett, mit direktem Ausblick auf die Rebberge.

Ganz schön schniek, dieses Hotel. – Und nicht ganz günstig.

Aber Moira konnte unsere gemeinsame Auszeit nicht perfekt genug sein. Deshalb mag ich ihr das auch echt gönnen, nach den letzten Monaten.

Ich werde meiner Mam wohl unendlich dankbar dafür sein, dass sie mich an diesem einen Samstagmorgen im Frühling aus dem Haus gescheucht und zu Moira geschickt hat. Ihre Worte werde ich so schnell nicht vergessen. «Du gehst jetzt zu ihr und dann küsst du sie einfach!»

Das mit dem Kuss hab ich zwar nicht gemacht. Aber ich hab sie besucht. Und nach einiger Zeit und aufwühlenden Gesprächen, hat sich für uns tatsächlich alles zum Guten gewendet.

Gedankenversunken drücke ich Moiras Hand.

Ein Lächeln wandert auf meine Lippen. Meine tolle Mam. Sonst ist sie ja immer anständig und korrekt. Aber damals, war ihr kein Hindernis zu gross. Auch nicht die Tatsache, dass es eigentlich einen anderen Typen im Leben meines Mädchens gab. Das Lächeln auf meinen Lippen verschwindet und mir wird kurz kalt. Ich hab das immer noch nicht verarbeitet.

«Louis? Warum bist du stehen geblieben?» Kurz muss ich mich sammeln. Da steht Moira in Jeansshorts und weissem Shirt, ihre Haut von der Sonne geküsst, lächelt und hält meine Hand. Alles ist gut. Plappernd läuft sie weiter. Meine rechte Hand verkrampft sich. Ich würde jetzt gern eine rauchen.

***

«Bitteschön.» Der Inhaber des Feinkostladens stellt uns schwungvoll zwei Rotweingläser auf den Hochtisch. Wir bedanken uns. Draussen ist es dunkel. Eine warme Sommernacht. Viele Einheimisch und ein paar Touristen, schlendern fröhlich an uns vorbei. Einige bleiben stehen und betrachten das Schaufenster des Feinkostladens neben uns. Wenige davon entscheiden sich, ihm einen Besuch abzustatten.

In mir drin herrscht Unruhe. Das mit dem nicht Rauchen ist gar nicht so einfach. Alternativ zu dem Zigarettenpack fische ich mein Handy aus der Hosentasche.
Moira sitzt mir gegenüber und futtert von den Apérooliven. Fünfzehn Nachrichten in sechs Chats. Elia, Yannic, meine Mam, zwei Gruppenchats und... Cloe. Verwundert hebe ich eine Augenbraue und öffne ihren Chat.

«Hi Louis. Na wie läufts? Ist voll öde hier im Magazin ohne dich. Cloe»

Ach, Cloe. Schnell tippe ich eine Antwort ein. Dann schalte ich den Display meines Telefons aus und blicke auf. Moiras Blick hängt noch immer daran. Ich verstaue das Handy. Kurz ist es still. Ich schwinge den Inhalt des Rotweinglases umher.
«Was ist mit Cloe?»
Irgendwie fühle ich mich ertappt. «Nichts.», erkläre ich, während ich den Rotwein mustere.

«Wieso hat sie dir geschrieben?»
«Was weiss ich?»
«Sorry, ich wollt nur ...»
«Lass einfach gut sein, ok?»

Meine Reaktion auf Moiras Fragen war wohl arg harsch. Sie versucht, meinen Blick aufzufangen, aber ich seh weg. Dann herrscht unangenehme Stille.

Eine Zeit lang knistert es geladen in der Luft aber nach einer Weile spüre ich, wie sich Moira entspannt. Ihre Hand sucht die meine. Ihre Finger fahren über meine. Sie ringt sichtlich mit sich. «Wann hast du eigentlich zum letzen Mal geraucht?»
«Sonntag.», presse ich hervor. Aber es ist eine Lüge.

Moira legt den Kopf schief.

«Für wie blöd hältst du mich eigentlich?»

Sie lacht.
«Da gibt es nichts zu lachen!» Das Thema war schon immer ein problembehaftetes zwischen uns. Ich hab sie halt auch viel angeflunkert diesbezüglich.
Nachdem sie einen grossen Schluck Rotwein getrunken hat, meint Moira: «Naja, schon.»
Ich sage nichts. Meine Finger spielen am Stiel meines Weinglases.
«Louis... Deine Ausreden sind recht lahm. Oder wieso schickst du mich immer mal wieder bereits ins Zimmer, während du noch kurz alleine etwas furchtbar wichtiges am Telefon erledigen musst. – So drei mal am Tag.»

Ich trinke einen Schluck des Weins. Er schmeckt ehrlichgesagt grässlich.

«Heute war es erst einmal. Eine Zigarette, Moira!»
Sie mustert mich. «Wieso lügst du mich an? Wieso versteckst du dich vor mir?»
«Weil ich es dir versprochen hab.», denke ich.
«Du musst nicht aufhören, das erwarte ich nicht von dir! Klar es wäre voll ...» – Ich falle ihr ins Wort: «Ich will aber, ok?»

Moiras erschrockener Blick entgeht mir natürlich nicht. Möglicherweise bin ich gerade etwas laut geworden. Jetzt wird auch sie aufbrausend. «Rauch doch einfach jetzt!»

Mein Blick sucht den ihren und hält ihm auffordernd stand. Ich weiss genau, dass ich sie provoziere. Nach einer Weile scheint etwas in ihr zu reissen. Sie knallt ihr Weinglas auf den Tisch und macht einen Schritt auf mich zu. Dann wühlt sie unsanft in meiner Hosentasche, was in Anbetracht dessen, dass ich sitze, nicht wirklich gut funktioniert.

Als sie endlich mein Zigarettenpack und das Feuerzeug hervor gefischt hat, knallt sie auch das auf den Tisch.

Unsere Gesichter sind sich so nah, dass sich unsere Nasenspitzen beinahe berühren. Wie gern würd ich sie jetzt küssen. Stattdessen tastet meine linke Hand nach dem Zigarettenpack. Na wenn sie unbedingt möchte. Moira macht einen Schritt zurück. Wir sehen uns immer noch tief in die Augen.

Es zischt, meine Zigarette fängt Feuer. Langsam führe ich sie zu meinem Mund, nehme einen Zug. Es tut so verdammt gut.

Stillschweigend rauche ich. Moira schenke ich nicht sonderlich viel Beachtung. Sie steht nur so da und beobachtet mich. Aber sie ist gekränkt. Das hat sie jetzt davon.

***

Was für ein Abend. Wir haben uns gezofft und zwar richtig. Ich soll sie nicht so behandeln, hat sie gesagt. Und ich hab ihr alles mit Mano um die Ohren gehauen. Alles was sie mir in den letzten Monaten angetan hat. Ich meine, wir wussten genau, dass wir wieder zusammen sein wollen, aber nein, sie hat ja noch Zeit gebraucht. Mich warten lassen.

Sie hat geweint, versucht, mir zu erklären, dass sie doch nur versucht hat, einen Schritt weiter zu kommen, im Leben. Dass auch ich sie verletzt hätte, oft. Es ist nur ...

Mit dieser Geschichte werde ich wohl nie Frieden schliessen können.

Das war ganz schön aufwühlend. – Aber dann haben wir etwas geschafft, was wir zuvor noch nie geschafft haben. Wir haben Frieden geschlossen und sind schlussendlich Hand in Hand zurück zum Hotel geschlendert.

Anfangs war da noch eine gewisse Spannung zwischen uns, mit jedem Schritt verpuffte sie ein Stück mehr. Bis wir schliesslich ausgelassen Quatsch redeten. Und uns, als die Zimmertür hinter uns ins Schloss fiel, liebevoll küssten.

Nur in die weissen Bettlaken gewickelt liegen wir jetzt da.

Moira schläft auf meiner Brust. Notorisch streiche ich ihr über den Rücken, während ich mit der anderen Hand durch Insta scrolle. Autos, Kunstwerke, Selfies. Dann steht da plötzlich Moira. An den Supra gelehnt. Sie hält einen Coffe To-Go in der Hand und lacht, wohl über etwas, was ich zum Zeitpunkt als ich den Auslöser gedrückt habe, gerade gesagt hab.

Hinter ihr ragen die Bäume des Schweizer Nationalparks. Das war auf dem Weg hierhin. Ihr war nicht bewusst, dass ich das Bild schoss, aber als ich es ihr zeigte, wollte sie unbedingt, dass ich es ihr umgehend schicke. Sie hat es sogar auf Insta gepostet, obwohl sie bisher meinte, sie wäre noch nicht bereit, unsere neue Beziehung so öffentlich zu machen. Die Leute würden nur wieder reden.

«Der schönste Sommer. #supraundkaffee #südtirol #dubistmeineletzteliebe», steht da.

Ach, Moira. Gerührt drücke ich ihr einen Kuss auf die Stirn und schlucke leer.

Während ich noch immer über ihren Rücken streiche, wird mir bewusst, wie verrückt unsere Geschichte ist. Die vielen Trennungen, die vielen kleinen Wunder. Wie sich unsere Wege einfach immer wieder kreuzten, an den verrücktesten Orten, zu den ungewöhnlichsten Zeiten... die vielen Versöhnungen.

Mein Blick verliert sich in der Nacht. Meine Finger legen sich liebevoll um die Hüfte meines Mädchens. «Ich lass dich nicht mehr los», hauche ich.

Moira und ich. Wir zwei. Trotz allem, haben wir es geschafft.

Hier, im Sommer in Südtirol. Das ist unser Happy End.

Erschienen am 31. Dezember 2020