Bei Louis – 7 |
Bei Louis – 7 |
Foto von Troy T auf Unsplash
«Louis. Ich kann das nicht mehr mit ansehen. So tu doch was!»
«Hmm?», presse ich zwischen meinen Lippen hervor, ohne das ich mich sonst gross rege. Die Couch ist meine Festung, der Controller mein Fels in der Brandung und die PS4 alles, was ich zum Leben brauch.
» Etwas weiches kommt geflogen. Ein Kissen. Es trifft mich direkt am Kopf und sackt dann zu Boden. «Mama! Spinnst du?» Jemand stellt sich in mein Sichtfeld, ich verliere mein Skyline aus den Augen und gucke entsetzt aus der Wäsche. Die laute Tonabfolge im Fernseher gibt mir zu verstehen, dass ich den Wagen wohl gecrasht haben muss. «Verdammt!»
Wütend lasse ich meine Mam im Wohnzimmer stehen und krame nach dem Zigarettenpack in meiner Trainerhosentasche. Meine Mam hasst es, dass ich rauche.
Aber aktuell ist mir das egal. So wie alles eigentlich.
Geschwind schlüpfe ich aus der Balkontür, kurz darauf zischt mein Feuerzeug und meine Zigarette fängt Feuer. Draussen ist es neblig, grau und frisch. Ein Samstag ohne wirkliche Tageszeit. Ich atme tief ein, höre wie sich die Balkontür erneut öffnet. Kaum merklich verdrehe ich die Augen. Wenn sie jetzt was falsches sagt, dann ...
«Was ist mit Moira? Erzähls mir. Ich kann dir sonst nicht helfen.» Meine Mam schlingt die Arme um ihren Oberkörper und stellt sich neben mich. Sie tut so, als hätte sie die Zigarette nicht bemerkt. Besser so. Ich ziehe daran und mustere mit meinem Blick den alten blauen Previa, der in unserer Auffahrt steht.
Damit waren wir auch schon unterwegs. Moira und ich.
Plötzlich tanzen durch mein Kopfkino all die Bilder von unserem Abend in Bern. Ein paar Wochen ist der nun her. Dazu gesellen sich verschiedene Erinnerungen, aus dem Louis-Moira-Archiv, tief in meinem Inneren. All die Jahre. Mein linker Mundwinkel zuckt leicht nach oben. – Kurz darauf wird mir übel. Also so richtig. Elia hat mir erzählt, was Moira an diesem Wochenende unternimmt. Ich hasse ihn dafür. Wobei ... keine Ahnung, ich hab ihn ja danach gefragt. Aber ... er hätte es mir ja nicht sagen müssen. Idiot.
Wie gern würd ich den Motor des Supras anwerfen und zusammen mit ihm in die Berge brettern. Zu diesem hässlichen Chalet, von diesem komischen «Nic». Moira abholen. Was fällt Iris eigentlich ein, sich auf so einen Schnösel einzulassen, ist sie jetzt ein Snob oder was?
Ausserdem interessiert mich zusätzlich, was genau sich Iris dabei gedacht hat, mein Mädchen diesem ... wenn ich den Namen nur schon denke … zu verkuppeln.
Ich verschlucke mich am Rauch und huste.
Meine Mam hebt eine Augenbraue. Sie schlottert, so ganz ohne Jacke. Tja. Sie ist schliesslich freiwillig hier draussen. Kurz räuspere ich mich. «Da gibts nichts zu erzählen.»
Gedankenlos lasse ich die zweite Kippe Feuer fangen. Der erste Zug beruhigt mich. Stoisch blase ich den Rauch aus meiner Lunge.
«Danke Louis.», hat sie gesagt.
«Wofür?», hab ich gefragt.
«Dass du mich nachhause gebracht hast.»
Meine Hand strich über ihre Wange. «Das ist doch selbstverständlich.»
Ihr Augen wurde schmal. «Das war es nie, nein.»
«Moira, was ist denn jetzt mit uns?»
Während ihr leerer Blick nach unten wanderte, bemerke ich die Träne, die über ihre Wange kullerte und an meiner Hand zersprang. Meine Finger umfassten ihr Gesicht sanft. Alles in mir, wollte nur sie.
«Du musst mir Zeit geben, ok?»
Fassungslos starrte ich sie an.
«Das ist nicht so einfach Louis. Hast du eine Ahnung, was, wie ... Mano ... Du bist einfach gegangen! Und dann wieder gekommen. Und dann ... Ich hab dir gesagt, dass das so nicht weiter gehen kann! Von wo weiss ich, dass ich dir vertrauen kann? Ich hab vergessen, was richtig und was falsch ist. Ich brauche Zeit, das bist du mir schuldig.»
Darauf konnte ich nichts erwidern. Mein Blick suchte den ihren und unsere Unterhaltung ging stumm weiter. Während ich den Drang zu rauchen unterdrückte und Moiras tränennasse Wangen rot glühten. In ihren Augen stand geschrieben, was sie nicht über die Lippen brachte: Ich will immer nur bei dir sein, Louis.
Das tat so verdammt weh.
Ich schlucke, leer.
«Liebst du sie?»
Mein Blick wandert zu meiner Mam.
«Natürlich.»
«Und wieso lässt du sie dann alle paar Monate wieder sitzen?» Der schneidende Unterton meiner Mutter entgeht mir nicht.
Ich muss mich sammeln. «Wenn ich das wüsste.», presse ich zwischen den Lippen hervor.
«Weisst du eigentlich, wie oft ich dieses Mädchen schon völlig verzweifelt auffangen musste? Weil mein Sohn, ihre grosse Liebe, wieder irgendetwas unergründliches angestellt hat? Versprechen gebrochen, sie für die Arbeit sitzen gelassen, für Freunde, oder für den Supra? Am Freitagabend, am Samstagmorgen, während euren Ferien. An eurem Jahrestag. – Sag mal, wann hast du sie eigentlich nicht sitzen gelassen?»
Weil ich nicht weiss, was ich sagen soll, rauche ich einfach weiter.
Mama will zähneklappernd fortfahren, aber ich falle ihr ins Wort: «Es ist nicht so einfach, Mama. Ich hab auch nur zwei Hände. Die Arbeit im Magazin erledigt sich nicht von allein. Elvine mag meine Arbeit, ich kann es mal zu was bringen! Aber nicht, wenn ich jeden Abend um Punkt fünf Feierabend mache. Dazu brauche ich das Schrauben am Supra. Als Ausgleich. Der unterhält sich nunmal nicht von allein. Ich fahre halt keinen brandneuen Octavia mit sieben Jahren Garantie. – Die Jungs sind meine Freunde. Sie brauchen mich ... und sie machen dumme Sprüche, wenn ich nicht genug oft vorbei komme. Das alles sind Verpflichtungen, ich habe nie auch nur eine Sekunde Zeit für mich!»
«Wenn man die letzten paar Wochen, die du auf dem Sofa vergammelt bist, mal weglässt.»
«Wie bitte?»
Meine Mam schüttelt den Kopf. «Nichts. Können wir jetzt wieder rein gehen?»
Widerstrebend drücke ich meine Zigarette aus und füge mich ihrem Wunsch.
In der Küche lässt sie zwei Kaffee raus. Wir setzen uns an den Küchentisch.
«Moira ist fordernd, Mama. Sie will, dass ich Zeit für sie hab. Und zwar oft. Sie will mit mir Orte besuchen, will, dass ich bei ihr und den Kindern vorbei komme. Sie will mit mir in die Ferien fahren, Konzerte besuchen, Essen gehen, rum lümmeln, ich schaff das nicht alles.»
Einen Moment ist es still, während meine Mam ihre Hände an ihrer Kaffeetasse aufwärmt. Die hat ihr Moira mal bemalt. War ja klar.
«Du kannst nicht alles haben Louis. Weisst du das?»
«Ich will nur sie.»
«Dann behandle sie so, wie sie es verdient.»
«Das geht ja jetzt nicht mehr.»
Nachdem mich meine Mam ausführlich gemustert hat, tut sich etwas in ihrem Blick. «Wenn du Moira nochmal für dich gewinnen kannst, versprichst du mir dann, dass du sie nicht mehr hinten anstellst? Ihr habt schon zu viele Tiefschläge erlebt. Was ihr jetzt braucht, ist endlose Liebe. Bedingungslose Zuwendung und die unerschöpfliche Gabe, nicht an der Vergangenheit zu zerbrechen, sondern daran zu wachsen und den Glauben in eure glitzernde Zukunft nicht zu verlieren. Wenn ihr noch eine Chance kriegt, dann sei dir bewusst, dass es eure letzte ist. »
«Klingt kitschig.»
«Ist aber so.»
Ich kaue auf meiner Unterlippe. «Hast ja recht.»
«Dein nicht enden wollender Freiheitsdrang und deine Neigung zu nur ja keinen Verpflichtungen hat dann keinen Platz mehr in deiner persönlichen Komfortzone, verstanden?»
«Ja.»
«Versprichst du es mir?»
Unsere Blicke treffen sich.
«Ja, Mama.»
Kurz ist es still.
«Dann schreib es ihr. Jetzt.»
«Was?»
«Alles.»
«Aber sie hat gesagt, ich darf nicht...» – «Egal!»
Also krame ich mein Handy hervor, wische die neue Nachricht von Cloe weg und beginne damit, Moira mein Herz auszuschütten. Mal wieder. Das ist gar nicht so einfach, aber schlussendlich, falle ich mit der Tür ins Haus und sage ihr schlicht, wie sehr ich sie liebe und das ich dies immer tun werde.
Als ich fertig bin, ist meine Mam ebenfalls ganz in ihr Smartphone vertieft.
«Was machst du da?»
Sie sagt nichts.
Aber ich kann es sehen. Da steht Moiras Name am oberen Bildrand, darunter ein Text. Ein richtig langer Text. Viel länger als meiner. Ich kann nur ein paar Worte entziffern, bevor sie ihr Handy etwas mehr zu sich kippt und mir somit die Sicht auf den Bildschirm nimmt.
Erschienen am 28. Dezember 2020