Bei Louis – 6 |
Bei Louis – 6 |
Foto von Danilo Capece auf Unsplash
Ist das zu glauben? Ich schlendere durch den Berner Bahnhof. Mit Moira. Mein Herz wurde warm, als ich sie vorhin zum ersten Mal nach so langer Zeit sah. Mein Mädchen. Sie lächelte, zaghaft. Mir wurde kalt.
» Nach einer steifen Umarmung setzte ich mich auf den Platz gegenüber von ihr.
Wir ertappten einander dabei, wie wir uns gegenseitig musterten. Ich konnte keine wirkliche Veränderung an ihr feststellen, was mich echt beruhigte.
Obwohl: Dann viel es mir wieder ein, als würde ein Blitz in meine Erinnerung einschlagen.
Augenblicklich fühlte ich mich unwohl, und wütend wurde ich auch.
Dieser andere ... Typ.
Nun sind wir also auf dem Weg in die Berner Altstadt. Im Bahnhof herrscht munteres Gewusel. Es ist schliesslich Samstagabend und sowas wie Frühling. Schulter an Schulter gehen wir so dahin und mir ist leicht schlecht, wegen ... ihr wisst schon was. Aber ich bin auch froh. Ich bin so unglaublich froh, Moira zu sehen.
Bis jetzt hat vorwiegend sie geredet. Sie hat auch mit mir geschimpft. Ein paar mal wollte ich etwas sagen, aber dann hab ichs doch gelassen. Ich weiss ehrlich gesagt auch nicht, was ich sagen soll.
Da es einige Zeit still war, kramt Moira kurz ihr Handy hervor. Ich entdecke ihr Hintergrundbild. Da ist irgend so ein Typ und zwei kleine Kinder. Das sind Jona und Laurie.
Oh mein Gott.
Moira bleibt stehen. Sie scheint bemerkt zu haben, was ich gerade gesehen hab.
Kurz schreibt sie eine Nachricht zu Ende, dann schaltet sie ihr Handy für mich gut sichtbar aus und verstaut es in ihrer Handtasche. Wir gehen weiter.
Sie lehnt sich kurz an mich und sagt «Hey....». Sanft legt sie ihren Kopf schief und sucht meinen Blick. Dann lächelt sie mich aufmunternd an. «Er ist nett, weisst du.»
Sag mal hat sie sie nicht mehr alle? «Ich kenn ihn von Iris. Er ist...» – Ich bleibe abrupt stehen und falle ihr ins Wort: «Moira, ich will kein Wort davon hören!»
Kurz entgleisen ihre Gesichtszüge.
Aber sie sammelt sich schnell wieder. «Wenn du meinst.»
Und es wäre nicht Moira, wenn sie es nicht schaffen würde, mich vom Tal meiner tristen Gedanken abzuholen.
Sie fragt mich nach dem Supra.
Ob es ihm gut geht und ob die Sommerreifen schon montiert sind. Sie will wissen, ob ich die Felgen tatsächlich habe Gold spritzen lassen, was ich nicht habe, worüber sie sehr erleichtert zu sein scheint.
Sie fragt nach der Werkstatt und sogar nach der Arbeit. Nach meinen Freunden und Arbeitskollegen. Ich erzähle ihr von Elia und den Tankstellenjungs. Dass unsere Autos, die saubersten in der ganzen Hood sind. Ich erzähle ihr nicht von Elia, obwohl ich nicht mehr so sauer auf ihn bin.
Und ich erzähle zwar vom untüchtigen Yannic und der fiesen Korrektorin (da lacht Moira herzlich, sie scheint die fiese Korrektorin zu mögen), aber ich erzähle ihr nicht von Cloe und ihrem komischen Verhalten mir gegenüber. Ich will Moira auf keinen Fall das Gefühl geben, dass da vielleicht etwas wäre.
Nachdem wir plaudernd durch die Berner Altstadt geschlendert sind und die Sonne langsam einen Abgang gemacht hat, sind wir in einem kleinen Park in der Nähe des Bundeshauses gelandet. Dort streifen wir nun in der Dunkelheit umher und mein Herz wird schwer, während Moira aus ihrem Leben erzählt. Von Iris, den Kindern, und sogar von Lea und Frank, den Eltern von Jona und Laurie. Das alles habe ich verpasst. Freiwillig.
Mehr oder weniger freiwillig, aber das zählt wohl nicht wirklich.
Das Schöne ist, dass sie mich auch immer mal wieder zum Lachen bringt. Wir lachen sogar ganz oft. Sie erzählt mir zum Beispiel auch von einem Abendessen, bei dem Leas arroganter Bruder gekauftes Eis als selbstgemacht gelabelt hat. Ich mochte den Typ noch nie.
Auch wenn sie sich grosse Mühe gibt, ich bemerke, ihre glanzlosen Augen und das teils aufgesetzte Lächeln. Manchmal erwähnt sie auch, wie traurig sie war. Wie trist und trostlos, sich das Leben noch vor einigen Monaten angefühlt hat. Dass sie das noch immer verarbeitet. Noch immer damit zu kämpfen hat, dass ich ihr das Herz gebrochen habe.
Zum ungefähr zwanzigsten Mal.
Manchmal nimmt sie meine Hand, oder drückt mich kurz ermutigend. Bleibt stehen, um meinen irritierten Blick aufzufangen, ihrem Gesagten mittels Gesten die nötige Bedeutung zu verleihen und danach weiter zu plappern. Das macht sie ganz in ihrem Element, während sie fragt oder erzählt. Als würde sie nicht bemerken, dass das eigentlich komisch ist, in der jetzigen Situation.
Aber ich will mich nicht beschweren, ihre Nähe fühlt sich so verdammt gut an. Das ist alles nur grad ein bisschen viel. Auch wenn Moira nicht das geringste von ... meinem grössten Erzfeind auf Lebzeiten erwähnt, so ist er doch da, in ihrem Leben. Und somit auch in meinem.
Meine rechte Hand wandert in meine Hosentasche, meine Finger befühlen, dass in Klarsichtfolie steckende, rechteckige Zigarettenpäckchen. Nur schon zu wissen, dass es da ist, beruhigt mich. Am liebsten würde ich rauchen, aber das geht jetzt nicht. Nicht, wenn Moira bei mir ist.
Mann, was habe ich mein Mädchen vermisst.
Erschienen am 12. April 2020