Bei Louis – 5 |

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Schwarze Fläche

Foto © glitzergeschichten

Auf dem Beifahrersitz liegt mein Handy. Das Display leuchtet hell. Jemand ruft mich an, aber ich kann gerade nicht. Das ist der schlimmste Abend meines Lebens. Zum Glück wohnen wir so nah an der Autobahnauffahrt.

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» Brav mit dem vorgeschriebenen Tempo durchs Dorf gondeln liegt mir gerade nicht. Die Polizei scheint das genau so zu sehen. Ich werde geblitzt. Fuck.

War ne Ausnahme. Schliesslich ist das hier der schlimmste Abend meines Lebens.

Ich liebe diese Autobahnauffahrt. Mein Supra liebt diese Autobahnauffahrt. – Und so gleiten wir wie so Profis mit quietschenden Reifen darin, bevor die Strasse gerade aus geht und ich im dritten Gang den Motor aufheulen und die Nadel im Tacho nach rechts schiessen lasse. In meinem Kopf höre ich einen vergnügten Schrei.

Mir wird kalt und heiss zugleich. Ist das... Moira?

Mittlerweile jagen wir über die dunkle Autobahn, kein Auto weit und breit. Also riskiere ich einen Blick auf den Beifahrersitz. Aber da liegt nur mein vibrierendes Handy. Meine Augen füllen sich mit Tränen. Fuck Moira, was hast du getan?

Die Lichter der Nacht ziehen an mir vorbei. Hin und wieder überhole ich einen weissen Lieferwagen, eines dieser hässlichen schwarzen Peugeot 207 Cabrios oder einfach sonst einen random Wagen.

Nach einiger Zeit schalte ich Musik ein. Zusammen mit dem konstanten Brummen des Motors beruhige ich mich nach einer gefühlten Ewigkeit langsam. Sobald meine Gedanken zurück zu diesem schrecklichen Brief gelangen, atme ich schneller und drohe, das Gaspedal durch den Unterboden zu treten.

Also starre ich stur gerade aus und verwandle mein blutendes Inneres in ein gefühlskaltes, schwarzes Loch.

Lass das alles nur ein böser Traum sein, Leben. Das kann nicht wahr sein. Was hat sie sich nur dabei gedacht? Was hab ich mir nur dabei ged... Etwas grelles reisst mich aus meinen Gedanken.

Das war ein Blitzer. Schon wieder. Shit.

***

«Louis, na?» Cloe hängt sich fröhlich an das USM-Möbel, das neben meinem Pult steht. Das ist der schlimmste Montag in der Geschichte. Ich hab keine Ahnung, wie ich es ins Büro geschafft hab, geschweige denn, wie ich es schaffe, hier zu sitzen und nicht das ganze Inventar auseinander zu nehmen.

Meine Hände verkrampfen sich, ich starre stur gerade aus in meinen Monitor und begrüsse Cloe brummend. «Was ist denn dir für eine Laus über die Leber...», sie plappert unbekümmert drauflos, erstarrt aber, als ich sie mit zusammengekniffenen Lippen und einem eiskalten Blick zum Schweigen bringe. «Ist ja gut, ich lass dich hier rum grummeln. Kannst dich ja melden, wenn du mal Kaffeetrinken willst.»

Cloe ist die Einzige, die sich heute getraut hat, mich anzusprechen.

Allen anderen muss meine Laune aufgefallen sein. Nicht mal Yannic hat Anstalten gemacht, mit mir eine Rauchen zu gehen. Dabei machen wir das immer als erstes am Morgen.

Mir fällt auf, wie viel ich heute schon geraucht hab. Zu viel für diese Uhrzeit. Unsicher ziehe ich mir den Ärmel meines Pullovers über das Handgelenk. Wie soll ich so nur weiterleben?

Mein Handy vibriert. «Alter?!?», steht da.
Elia. Ich mein, es ist ja nett, dass er sich um mich sorgt, aber was will ich machen? Was soll ich ihm sagen? Am besten nichts. Ich würde ihn eh nur anschreien, so richtig anschreien.

Er hat es gewusst, aber er hat nichts gesagt. – Verräter.

Ausserdem muss ich arbeiten. Obwohl ich schon um die zwei Stunden vor meine iMac sitze, starte ich InDesign erst jetzt. Ich könnte kotzen, wenn ich nur schon daran denke, was Moi... «Louis?»

Verwirrt blicke ich zum grossen Tisch hinten an der Wand. Da steht eine Gruppe sich wichtig findender Menschen. Elvine steht auch da. Sie scheint mich gerufen zu haben.
«Kommst du mal kurz? Wir wollen die Livingstory besprechen.»
«Klar.»

Schweres Herzens schlurfe ich zu dem grossen Tisch. Jetzt muss ich auch noch so eine frischfröhliche Livingstory layouten. Eigentlich hab ich grad gar kein Bock auf Bilder von so einem durchgestylten, möchtegern künstlerisch angehauchten Loft Apartment über den Dächern von Zürich. Aber was will man machen? Das kann ich Elvine wohl schlecht sagen.

«Na, wieder mal über die Stränge geschlagen am Wochenende?» begrüsst mich unsere Chefredaktorin neckend.

Es ist süss, wenn die steife Buisness-Elvine versucht cool zu sein.

Alle anderen am Tisch lächeln mich ungeduldig an. Wenn es nach ihnen ginge, müsste die Geschichte schon längst gelayoutet sein und es ist natürlich meine Schuld, dass dem nicht so ist.

Die Redaktorin beginnt ihren Vortrag mit: «Wir befinden uns über den Dächern von Zürich. In einem der begehrtesten Hochhäuser der Schweiz, im achtzehnten Stock, wohnt, unglaublich durchgestylt...» – Jaja, Bla Bla.

Während sich die Redaktorin in Rage redet und ihre Geschichte bewirbt schweift mein Blick über die Bildauslage. Schnell markiere ich in Gedanken die Bilder, die ich im Layout verbauen möchte. Zuvor muss ich mir zwar noch sämtliche Bildwünsche der anderen anwesenden Personen anhören, aber hey... heute hab ich echt keine Lust auf Kompromisse und die andern haben wirklich keine Ahnung von Gestaltung.

Mit ein bisschen Geschick, kann ich Elvine schon von meinen Argumenten überzeugen und sie ist schliesslich der Boss.

Während es neben mir immer noch von Vintage-Designermöbeln faselt, erblicke ich ein Bild von der Alkoholsammlung der porträtierten Person (wer auch immer das schon wieder ist). Da steht Monkey 47 Gin.

Das ist ihr Lieblingsgin.

Langsam sickert die bittere Wahrheit und der Grund meiner schlechten Laune wieder in mein Bewusstsein zurück. Gestern Abend, die dunkle Küche, die Anrichte, der Brief. Mein Herz, das für einen Moment aussetzte und die Hoffnung. Der Moment in dem mir übel wurde, als ich die ersten Zeilen las:

«Lieber Louis, Schön von dir zu hören. Natürlich hab ich mich auch oft gefragt, wies dir so geht. Mir geht es gut, wirklich. Wahrscheinlich so gut, wie schon lange nicht mehr. Louis, es bricht mir das Herz beim Schreiben dieser Zeilen. Aber... Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich bin in einer neuen Beziehung.»

Den Rest konnte ich nicht mehr lesen.

Erschienen am 23. März 2020