Bei Louis – 4 |

Bei Louis – 4 |

Foto von Douglas Bagg auf Unsplash

Februar. Es ist tatsächlich schon wieder Februar.
Wir stehen an der Tanke und rauchen. Elia, die andern Jungs und ich. Es scheint bereits einzudunkeln, dabei ist es erst anfangs Nachmittag.

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» Unsere Autos sind blitzblank geputzt, vollgetankt. Startbereit. Aber wir stehen nur so da, neben den vier geliebten Boliden und zeigen uns lustige Youtubevideos.

Die andern lachen sich scheckig. Sie stehen zu dritt versammelt um ein Smartphone, ich bleibe etwas abseits und scrolle durch meinen Instafeed. Zwischen Illustrationen, Typos und kunstvollen Autofotografien schmuggeln sich vereinzelt Selfies und Ferienfotos von einigen Bekannten. Zum Glück kann ich diesen Bilder grösstenteils aus dem Weg gehen. Ich mag Insta, aber noch mehr mag ich gute Bilder und die befinden sich leider selten auf Profilen von selbstdarstellerischen jungen Erwachsenen. Wenns irgendwie geht, drücke ich mich deshalb davor, einfach Hinz und Kunz zu folgen und von nun an täglich mit nutzlosen Bildern von Starbuckskaffees oder OOTDs zugespamt zu werden.

Das klappt eigentlich ganz gut.

So klebe ich per Doppeltab Herzen an schwarzweisse retro Rennwagenbilder, verschiedenen Buchstaben aus Yannics selbstgestaltetem Alphabet, einem Video von dem süssen Hund meines Lieblingssängers und schlussendlich hab ich dann doch etwas Liebe für Cloes Cappuccino in einem hippen Zürcher Café übrig. Sie freut sich bestimmt.

Gedankenverloren angle ich die nächste Red Bull Dose aus meiner Jackentasche, öffne sie, trinke einen grossen Schluck daraus und stelle sie dann sicher auf mein Autodach. Elia fangt meinen Blick auf. «Wir könnten noch in die Werkstatt fahren. Meine Auspuffanlage ist gestern angekommen.»

In meinem zwar beschaulichen, mittlerweile jedoch recht gross gewachsenen Heimatdorf, etwa 500 Meter von meinem Elternhaus entfernt, liegt meine Werkstatt.

Sie hat mal meinem Opa gehört.

Vor seinem Tod vor mittlerweile wohl sechs Jahren, hat er alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit ich seinen Lieblingsort, genauso wie er seit Jahrzehnten existiert, übernehmen kann. Das hat geklappt.

Wie glücklich ich darüber bin, kann ich kaum in Worte fassen, denn diese 50 Quadratmeter waren schon immer auch mein Lieblingsort. Die vielen alten Werkzeuge, übersät mit den Spuren ihres langen Lebens, die verschiedenen Flecken an den Wänden und dem Boden – Öl, Lack, Benzin, Wasser – und die dazugehörigen Gerüche. Seit ich denken kann, hab ich mich hier wohl gefühlt.

Diese Werkstatt ist das Zuhause meines Supras.

Hier stand er bereits Jahrzehnte, bevor ihn Opa und ich aus seinem Dornröschenschlaf erweckten und ihn innerhalb von zwei Jahren wieder strassentauglich schraubten. Kurz vor meinem 18. Geburtstag hat mein Opa ihn vorgeführt. Der Wagen ist direkt durchgekommen. So glücklich wie da, war ich lange nicht.

Glückliche Erinnerungen blitzen vor meinem inneren Augen auf. Mein Herz zieht sich zusammen. Ich ertrag das grad nicht. Und auch nicht den Verlust von zwei meiner wenigen Lieblingsmenschen.

«Louis?»
Ich zucke zusammen. Mein glasiger Blick fokussiert sich.
Elia starrt mich an.
«Wie bitte?»
Er streicht sich übers Gesicht und hinterlässt schwarze Striemen über seiner rechten Augenbraue. In der einen Hand hält er Werkzeug, in der andere abmontierte Schrauben.

«Hast du mir überhaupt zugehört?»
Sein strenger Blick wird weich, mein Zögern hat mich wohl verraten.

Nachdem mich Elia einen Moment lang skeptisch gemustert hat holt er tief Luft. «Sag mal Louis, kann es sein, dass es dir momentan nicht so gut geht?»
Stille. In der grauen Werkstatt herrscht absolute Stille.
Mein Brustkorb fühlt sich an wie zugeschnürt.
Ich zucke mit den Schultern.

Was soll ich sagen? Wir reden eigentlich nicht über so Gefühlskram.
«Kannst sie ja mal anrufen.», meint Elia und obwohl sein Gesicht nicht viel Gefühlsregung zulässt, meine ich, Gutmütigkeit in seinen Augen aufblitzen zu sehen.

Erschienen am 14. Februar 2020