Bei Louis 3 |

Bei Louis 3 |

Foto von Scottie Scheid auf Unsplash

Es war ursprünglich nicht geplant, an einem Samstag im Büro aufzukreuzen, aber was tut man nicht alles.
Während die schwere Tür hinter mir ins Schloss fällt, springen die Neonlichter oben an der Decke, mit leichter Verzögerung und dem unverkennbaren Klacken, an.

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» Eigentlich wollte ich nur mein Auto holen, aber wenn ich schon mal hier bin, kann ich noch kurz diese eine Mail verschicken. Gestern nach dem Abschluss hatte ich schlicht keine Lust mehr dazu.

Während mein iMac hochfährt checke ich die Nachrichten auf meinem Handy. Neun neue Nachrichten – dennoch vergebens. Hastig tippe ich mein Passwort ein, dann wird mir bewusst, wie still er hier drin ist, wenn kein Mensch, am Arbeiten ist. Daran könnte ich mich gewöhnen.

Schlussendlich verstreicht eine knappe Stunde mit dem Erledigen von ein, zwei kleinen Aufträgen und lustlosem Herumsurfen im Netz, bis ich mich dazu entschliesse, das Weite zu suchen und das Büro für das Wochenende ganz sich selber zu überlassen.

Mit meiner rechten Hand krame ich in der Jackentasche, um zu Überprüfen, ob mein Autschlüssel noch da ist, was er selbstverständlich ist. Also packe ich meine sieben Sachen zusammen und klemme mir auf dem Weg in die wohl verlassene Tiefgarage eine Zigarette hinters Ohr.

Bei der letzten Ecke vor der gläsernen Ausgangstür bleibt mir fast das Herz stehen. Ich bin mit jemandem zusammengestossen.

Die Person sieht mit weit aufgerissenen Augen zu mir hoch. «Louis?»
Unbeholfen lächle ich. «Hi.»

Erst als Elvine einen Schritt zurück macht, bemerke ich, dass ich viel länger als nötig, sehr nah an meiner Chefin stand. «Was machst du hier?», will sie entsetzt wissen.
Mechanisch fische ich meine Autoschlüssel hervor und klimpere damit vor ihrem Gesicht – was, wenn ich es mir richtig überlege, auch nicht besonders taktvoll ist. Schnell verstaue ich die Schlüssel wieder und erkläre mich: «Muss mein Auto holen, wegen Cloe.»

Neckisch zieht Elvine eine Augenbraue hoch. Sie trägt Jeans, Shirt und Blazer, was – bis auf den Blazer – ein äusserst ungewöhnlich legerer Anblick für mich ist.
Unter ihren Armen klemmen viele Magazine und Akten. Bis eben wirkte sie gestresst, jetzt lächelt sie mich charmant an. «So, so. Cloe.»

Bevor ich ihren neckischen Tonfall einordnen kann, stapft sie zügigen Schrittes weiter und verabschiedet sich im Gehen. «Geniess dein Wochenende!»

Als ich meinen geliebten Supra in der verhältnismässig leeren Tiefgarage entdecke, fällt mir eine riesen Last von der Schulter.

Ich lasse mein Auto ungern über Nacht irgendwo stehen. Es scheint noch ganz zu sein, welch ein Glück.

Meine innere Unruhe wird in dem Moment besänftig, als ich den Schlüssel im Zündschloss drehe und mein linker Fuss langsam von der Kupplung gleitet. Wie ich das Geräusch dieses Motors liebe. Kurz danach springt die Musik meines Handys über das Autoradio an. Konzentriert kurve ich aus der Tiefgarage, meinem freien Samstag entgegen.

Ich könnte nachhause, aber was will ich da? Klar, es gäbe einige Dinge am Auto zu machen, aber dafür brauche ich wohl nicht den ganzen Nachmittag. Vielleicht hat ja einer von den Jungs später Zeit, für ne Cola an der Tanke, aber ehrlich gesagt, bin ich im Moment sowieso nicht so in Stimmung für Gesellschaft.

Bis auf die Gesellschaft von… In mir steigt der Wunsch auf, bei ihr vorbei zu fahren, aber… das ist nicht so einfach. Schliesslich hab ich schon so lange nichts mehr von ihr gehört.
So ein schöner Samstag. Was wir alles zusammen unternehmen könnten.

Gedankenversunken steuere ich erst mit durchgedrücktem Gaspedal auf die Autobahn zu und gondle dann noch ein wenig durch die Gegend. Mehrmals halte ich mich bewusst davon ab, in die Richtung, in die es mich eigentlich zieht, zu fahren.

Nachdem ich einige Dörfer passiert hab, ziehts mich über Hügel und Felder. Es macht Spass, die Kurven zu schneiden und oben an meinem Lieblingspass angekommen, passiere ich spontan das einzige Gebäude weit und breit und parkiere neben einer Parkbank quer über den Feldweg.

Weit und breit ist niemand zu sehen. Kein Wunder bei dem Wetter.

Mein Auto macht sich inmitten des grauen Nebels allerdings noch ganz gut, weshalb ich in die Hocke gehe und ein paar Bilder mit dem Handy schiesse. Später kann ich sie noch bearbeiten und vielleicht auf Instagram hochladen. Da blitzt ganz der Grafiker in mir durch. Wenn ich ein Bild hochlade, dann muss es schon ziemlich gut sein.

Obwohl es frisch ist, bleibe ich im Hoodie an mein Auto gelehnt stehen und zünde mir die Zigarette an, die bis eben noch hinter meinem Ohr geklemmt hat. Nebenbei checke ich mein Handy. Einer Eingebung folgend öffne ich nochmal die Kamera und mache ein paar Bilder von mir. Erst Selfies, dann stelle ich mein Handy auf die Parkbank und lasse es per Selbstauslöser zehn Bilder hintereinander schiessen. Von mir und meinem Supra.

Es gelingt mir zwar nicht, richtig zu Lächeln, aber sie könnten ganz gut geworden sein, die Bilder.

Meine Motivationslosigkeit ändert ja doch nichts. Mit meiner zweiten Zigarette beschliesse ich, mich nicht mehr selber zu bemitleiden und gegen die Melancholie und die Sehnsucht in mir drin anzukämpfen. Ist ja nicht zum Aushalten.

Also schreibe ich Elia. «Wie wärs mit Red Bull bei der Tanke? Und Autos waschen?»

Elia schreibt, sobald ich meine Nachricht abgeschickt hab. Seine Antwort lautet: «20 Minuten.» Unmittelbar danach vibriert mein Handy nochmal und Cloes Name erscheint auf meinem Display. «Gut nachhause gekommen?»

«Ja.» tippe ich. Bevor ich die Nachricht abschicke, ergänze ich sie noch um: «Danke, dass du darauf bestanden hast, dass ich mit dem Bus nachhause fahre. Hatte wirklich zu viel getrunken. Schönen Samstag.»

Dann wende ich den Wagen und fahre los, über den unbefestigten Weg, in Richtung Elia, Benzingeruch und Autowaschanlage.

Erschienen am 24. Dezember 2019