Bei Louis 2 |

Bei Louis 2 |

Foto von Alexandre Godreau auf Unsplash

Im Lions herrscht die typische Geräuschekulisse einer Bar am Freitagabend. Gemurmel. Musik. Das quietschen von herumgeschoben werdenden Stühlen.
Mein Blick schweift durch die Bar, bis ich an einem der üblichen Tische unser Team entdecke. Ich bahne mir einen Weg, Yannic stapft mir nach.

ZURÜCK ZUR ÜBERSICHT

» Noch auf halbem Weg sieht Cloe plötzlich auf und unsere Blicke treffen sich. Ein Lachen breitet sich aus, auf ihren Lippen. Ich ziehe einen Mundwinkel hoch. Cloe macht die anderen auf unser Kommen aufmerksam in dem sie uns freudig winkt. Die anderen fünf Nasen am Tisch drehen sich zu uns.

«Ist der Schinken im Ofen?», brüllt unser Textchef grölend durch die Bar. Die haben wohl auch schon genug Alkohol intus.

Am Tisch angekommen wird zusammengerückt und Yannic und ich nehmen zwischen unseren Kollegen Platz. Cloe grinst mich an. «Das Magazin ist im Druck, wenn du das meinst.», komme ich auf die Frage des Textchefs zurück. «Toll gemacht!», lobt er uns, während er Yannic anerkennend auf die Schultern klopft. Ich verdrehe die Augen. Vor allem er hats toll gemacht. Von wegen Minecraft und so.

Die Bedienung stellt polternd ein Tablet voller Bierflaschen auf den Tisch und alle greifen freudig zu. Es wird angestossen und sich zugeprostet. Einzelne Grüppchen verfallen in tiefgründige Gespräche über Popcornmaschinen, Beziehungsprobleme oder über Maracujas.
Mich juckts in den Fingern und ein letztes Mal ziehe ich mein Handy aus der Hosentasche. Es braucht Überwindung, das Display zu erleuchten und ich werde umgehend enttäuscht.
Was würde ich dafür geben, wenn dieser eine Name dort stehen würde?

Dummerweise verdammt viel.

Gefrustet schalte ich mein Telefon aus, damit ich ja nicht mehr in Versuchung komme und setze die kühle Bierflasche an. Danach geht es mir kurzzeitig schonmal besser.

Und so verstreicht der Abend. Mit jedem Schluck entspanne ich mich mehr und irgendwann, geniesse ich meine laute Umgebung, das gedimmte Licht und das rasend schnelle Gesprächs-Ping-Pong meiner Arbeitskollegen.
Diese kommen und gehen. Es ist Tradition, dass wir uns am Freitagabend im Lions treffen. Und so geben sich Bildredaktorinnen und Journipraktikanten die Klinke in die Hand.
Yannic durchstöbert Tinder. Cloe und Martina helfen ihm dabei. Die beiden Mädels Lachen lauthals.

Plötzlich fällt mir Elvines Angebot ein.
Als der Kellner an mir vorbei rauscht, bestelle ich per Handzeichen eine Runde für alle. Kein Plan, wie Elvine das dann irgendwann bezahlen möchte, aber da findet sich dann bestimmt eine Lösung.

«Wie wärs mit Rauchen?» Yannic schiebt seinen Stuhl nach hinten und steht auf. Wahrscheinlich versucht er so, sich aus den Fängen der Mädels zu befreien. Diese schliessen sich ihm allerdings an. Die drei schlüpfen in ihre Jacken. Hastig krame ich mein Zigarettenpack aus der Jackentasche und folge ihnen im Hoodie.

Eine Jacke brauche ich nicht.

Draussen zischen unsere Feuerzeuge und alle ausser Cloe stecken sich ihre Zigaretten an.
Sie macht ein paar Schritte auf mich zu. «Na, wie läufts?»
Ich puste den Rauch aus. «Super. Bei dir?»
Sie legt den Kopf schief und hebt eine Augenbraue. «Echt?»
«Klar.»
«Na dann.» Sie zuckt mit den Schultern.
Irre ich mich, oder ist Cloe heute komisch drauf?
«Und was machst du so am Wochenende?», will sie wissen.
Prüfend mustere ich ihre feinen Gesichtszüge. «Keine Ahnung, du?»
«Ach, so einiges. Aber auch nicht zuuu viel. Einfach so ein paar Dinge.»
Ich lächle sie an. Womöglich das erste Mal an diesem Abend. «Klingt interessant.»
Sie muss lachen. «Total, nicht?»

Drinnen stehen unsere neuen Bierflaschen bereit und alle sind erstaunt und fragen sich, wie das Bier nur dahin gekommen ist. Ich murmle etwas von Elvine. Zu einer ausführlichen Erklärung anzusetzen ist mir dann doch zu mühsam, also belasse ich es dabei.

Kein Plan wie die nächsten Stunden verfliegen aber plötzlich ist es mitten in der Nacht. Als wir das Lokal verlassen, empfängt uns ein eisiger Wind. Wir sind jetzt wohl endültig im Spätherbst angekommen. Man munkelt sogar, dass heute Nacht der erste Schnee fällt.
Die letzen noch verbliebenen Seelen strömen los, jeder in eine andere Richtung.

Mit einem Griff in die Jackentasche prüfe ich nach, ob mein Autoschlüssel noch da ist, was er ist. Dann verabschiede ich mit einer flüchtigen Umarmung von Cloe und nehme Kurs auf unser Bürogebäude, um nach diesem langen Tag endlich... «Louis!»

Ich drehe mich um, da steht Cloe allein im Dunkeln vor dem Lions, die Hände in ihren Jackentaschen vergraben.

«Ja?»

Erschienen am 19. November 2019