Bei Louis – 1 |

Bei Louis – 1 |

Foto von Liam Seskis auf Unsplash

Draussen ist es dunkel, hier drinnen blendet mich das Grossraumbürolicht. «Louis, hast du das Heft exportiert?» Ich schüttle den Kopf. «Wir warten noch auf das Editorial.»
«Wie lange kann man eigentlich brauchen, um zweitausend Zeichen Korrektur zu lesen?»

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» Während ich die Druckdaten auf dem Webportal der Druckerei checke rechne ich nach, wie lang sich das Editorial bereits im Büro der Korrektorin befindet. «Vierzig Minuten?» –Mein Arbeitskollege Yannic lacht. «Oder länger. Es ist ja noch nicht zurück.» Er verdreht die Augen.

Das Ding ist: Wir müssen jeden Freitag so lange arbeiten, bis unser Magazin fixfertig in der Druckerei abgeliefert wurde. Da zählt jede Minute. Deshalb ist unser Unverständnis für die Überkorrektheit unserer Korrektorin gross. Es ist ein Editorial. Das liest sowieso keiner.

Mir fällt auf, dass ich sämtliche Arbeitsschritte der letzten paar Stunden alleine ausgeführt habe. Mein Blick schweift zu Yannic. «Sag mal, was machst du eigentlich die ganze Zeit?»
«Minecraft.» Die Tür des Korrektorenbüros schwingt auf.
«Zu wem kann ich mit den Korrekturen?», hallt es durch das beinahe leere Büro.
Yannic verkriecht sich hinter seinem iMac. Die Schritte der Korrektorin kommen näher. Ich hebe die Hand. «Hier!»
Ein von roten Notizen übersätes A3-Papier landet auf meinem Schreibtisch.
«Danke. Ich führ die Korris gleich aus.»

«Machen wirs doch zusammen, ist mir lieber.»

Ich stöhne kaum merklich. Es ist wirklich unangenehm, wenn dir jemand bei einem Arbeitsschritt, der absolute Konzentration erfordert, andauernd über die Schultern gafft und schnippische Kommentare zu deiner Arbeitsweise abgibt.

Nichtsdestotrotz mache ich mich daran, Notiz eins und die dazugehörige Korrektur zu entziffern. Ein Zeigefinger landet auf dem Blattpapier. «Das streichst du raus, dann verschiebst du diese beiden Wörter, löscht das Satzzeichen und machst einen Abschnitt.» Bahnhof. Ich versteh nur Bahnhof.

Wenig später. Erneut hallen Schritte durchs Büro. «Na, ihr beiden?»
Yannic ist zu beschäftigt um sich um unseren Besuch zu scheren.
«Hi.», murmle ich.
Elvine lächelt mich freundlich an. Sie trägt ein dunkelblaues Kostüm. «Seid ihr durch?»
«So gut wie.», sage ich, während ich das PDF des Editorials ins Webportal ziehe.
«Super, danke für euren Einsatz. Eure erste Runde später geht auf meine Rechnung.»
Überrascht blicke ich hoch und lächle schief. «Danke.»

«Erzähls bloss niemandem.»

Sie macht auf Absatz kehrt und stöckelt in Richtung ihres Büros. Mir fällt auf, dass sie müde aussah. Aber es ist auch schon spät.

Erleichtert gebe ich die Druckdaten frei, während ich mir mein Zigarettenpack angle und ein Feuerzeug aus dem Büromöbel fische. «Yannic, es ist alles in der Druckerei. Bin eine rauchen. Mach du den Rest.» Verwundert sieht er hoch, während sich auf seinem Bildschirm zwei Gestalten aus Quadraten mit den Kopf einschlagen. «Wie den Rest?»

Auf dem Weg zur Terrasse dreh ich mich nochmal zu ihm um. «Titelseite verschicken? E-Paper erstellen?»Seine Augen werden gross. «Ach nö, ich hasse das.» Ach was. Niemand erstellt gern ein E-Paper.
«Du kannst mich mal.», rufe ich ihm zu, mit einem Fuss bereits auf der Terrasse.
Draussen ist es frisch. Der Wind zieht durch mein schwarzes Shirt, mich frierts am ganzen Körper.

Mein Feuerzeug zischt, meine Zigarette fängt Feuer, der glimmende Punkt in der schwarzen Nacht beruhigt mich.

Ich fische mein Handy aus der Hosentasche. Erleuchte das Display. Neunzehn Nachrichten aus sieben Chats. Flink ziehe ich die Benachrichtigungen herunter und überfliege die Namen. Dann atme ich enttäuscht aus und blase dabei einen ganzen Schwall Rauch auf das leuchtende Telefon. Nichts von Bedeutung.

«Fuck.», hauche ich.
«Wie bitte?»
Erschrocken sehe ich auf.
Die Korrektorin steht neben mir. «Hast du Feuer?»
«Klar.»

Schweigend stehen wir nun nebeneinander und rauchen. Eigentlich ist sie schon ganz nett, wenn auch oft sehr mühsam. Manchmal erinnert sie mich an meine Tante. Die ist ungefähr gleich. Ausserdem sehen sie sich irgendwie ähnlich.

«So, und ihr Jungen geht bestimmt noch weiter heute Abend? Die Nacht ist noch jung, nicht?» Ihre Augen funkeln schelmisch. Ein Hauch Wehmut schwingt darin mit. «Kannst ja auch mitkommen. Wir gehen ins Lions. Die anderen sind bestimmt auch da.»

Ein Lächeln erscheint auf ihren Lippen. Kaum merklich, aber ich habs gesehen. Sie fühlt sich geehrt. «Ach was, ich geh nachhause. Es war bestimmt noch niemand mit dem Hund draussen.»
«Tja, Kinder…», murmle ich, weil ich nicht weiss, was ich sonst darauf erwidern soll. «Oder Männer!», meint sie und hustet zweimal, wodurch die Asche von ihrer Zigarette auf den Terrassenboden fällt. Dann geht sie.

Meine Kippe ist ebenfalls fast abgebrannt. Auf dem Weg zum Aschenbecher nehme ich den letzten Zug und check nochmal mein Handy. Einundzwanzig Nachrichten, sieben Chats.

Nicht das, was ich mir erhofft habe.

Erschienen am 21. August 2019